Wie kann eine Region gemeinsam in ihre Landschaft investieren? Im 6. IRM-Resonanzraum verbanden wir die Praxis der Stadt Bonn und des Vereins Regionales Naturkapital e.V. mit der Perspektive der Initiative Regenerative Marktwirtschaft. Am Beispiel von Waldumbau, Agroforst und naturbasiertem Hochwasserschutz wird sichtbar, wie aus einzelnen Maßnahmen eine regionale Entwicklung entsteht.
Am 7. Oktober 2026 setzen wir den Austausch mit Andreas Kunsmann, CEO von Polycare, im 7. IRM-Resonanzraum fort. Mehr dazu findet ihr im Ausblick am Ende dieses Beitrags.
Von Sebastian Fittko und Daniel Valenzuela
Die Infrastruktur, die wir übersehen
Wenn eine Brücke gesperrt wird, merken wir ziemlich schnell, was fehlt. Menschen kommen nicht zur Arbeit, Waren erreichen ihr Ziel über Umwege, Betriebe verlieren Zeit und Geld. Niemand würde ernsthaft fragen, ob wir diese Infrastruktur überhaupt benötigen. Wir diskutieren darüber, wie wir sie wiederherstellen und wer dafür zahlt.
Bei einem Boden, der kaum noch Wasser aufnimmt, fällt uns diese Einordnung schwerer. Ebenso bei einem Wald, der seine kühlende Wirkung verliert, oder bei einer Landschaft, aus der Regen zu schnell abfließt. Wir sehen trockene Felder, geschädigte Bäume und einen Bach, der über seine Ufer tritt. Dass hier die Grundlagen unseres Wirtschaftens und Wohlstands – die gerade in einer Wissens- und Wissenschaftsregion wie Bonn eng mit Bildung, Forschung und Information verknüpft ist – an Leistungsfähigkeit verlieren, ist uns weit weniger bewusst.
Dabei sind die Beziehungen längst da. Der Betrieb im Tal hängt mit dem Boden am Hang darüber zusammen, von dem der Regen abfließt. Die Lebensmittelversorgung der Stadt durch die Höfe in ihrer Umgebung. Die Gesundheit der Menschen hängt mit der Landschaft zusammen, in der sie leben. Was uns fehlt, ist häufig die Fähigkeit, diese Zusammenhänge als gemeinsames Vermögen wahrzunehmen und entsprechend zu handeln.
Mit diesem Gedanken begann unsere Diskussion. Und mit einer Frage, die weit über den Naturschutz hinausgeht: Was würde sich verändern, wenn wir in die Lebendigkeit unserer Landschaft mit derselben Selbstverständlichkeit investierten wie in Straßen, Brücken und Netze?
Daniels Präsentation zum Naturkapitalfonds stellt dafür eine einfache Frage: Was wirkt gegen Hitze, Starkregen, Trockenheit, CO₂-Emissionen und Artenverlust zugleich? Die Antwort liegt in den lebendigen Prozessen vor unserer Haustür. Wasser, das eine Landschaft hält, bleibt dort länger verfügbar und kann durch Verdunstung kühlen. Vegetation bindet Kohlenstoff und schafft Lebensräume. Diese Fähigkeiten entstehen im Zusammenspiel. Wer sie gemeinsam betrachtet, beginnt auch, die Voraussetzungen unseres Wohlstands anders zu sehen.
Abbildung 1: Die Landschaft als natürliche Infrastruktur der Stadtregion. Originalfolie 9 aus „Was ist eigentlich ein Naturkapitalfonds?“, VHS-Veranstaltung der Stadt Bonn, 01. September 2026.
Wir haben das Kapital bereits
Als ich, Daniel, den Ansatz einem Verantwortlichen der Bonner Umweltverwaltung vorstellte, brachte er die Verschiebung auf den Punkt. Seit Jahren, sagte er sinngemäß, versuche man Menschen davon zu überzeugen, Geld für Natur und Klimaanpassung bereitzustellen. „Und jetzt kommen Sie zu mir und drehen es um: Sie sagen mir, ich verwalte bereits das Vermögen – und andere wollen etwas von uns?“
Genau diese Umkehr der Perspektive ist ein Ausgangspunkt unserer Arbeit. Denn sie verändert, von wo aus wir auf eine Region schauen. Vor uns liegt eine Landschaft mit Böden, Wäldern und Wasserläufen. In ihr stecken Fähigkeiten, die wir wirtschaftlich täglich nutzen. Sie ernährt, kühlt, speichert Wasser und bringt Leben hervor. Wir leben von diesem Vermögen, oft ohne wahrzunehmen, was wir ihm entnehmen und was wir zu seiner Erneuerung beitragen.
Nach Stationen in Mathematik, Startups und Climate-Tech im Venture Capital wurde mir klar: Neben technologischen Lösungen müssen wir lernen, biologische und regionale Intelligenz besser einzubinden.
Ein Wald muss seine Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten und ein Mikroklima auszubilden, nicht erst von uns lernen. Unsere Aufgabe beginnt bei den Bedingungen, unter denen er diese Fähigkeiten entfalten kann. Wie bewirtschaften wir ihn? Welche Entwicklung lassen wir zu? Und wie organisieren wir die wirtschaftlichen Beziehungen so, dass eine langfristige Pflege möglich wird?
Hier setzt die gemeinsame Arbeit der Stadt Bonn und des Vereins Regionales Naturkapital e.V. an. Konzepte für Klimaanpassung, Kohlenstoffsenken und Landschaftsentwicklung haben die meisten Kommunen bereits. Doch zwischen einem guten Konzept und einem lebendigen Wald liegen Geld, Arbeit und Verantwortung. Hinzu kommt: Eine Kommune kann auf ihren eigenen Flächen handeln. Wasser und ökologische Wechselwirkungen halten sich weder an Eigentumsgrenzen noch am Ende des Stadtgebiets.
Deshalb müssen Menschen zusammenfinden, die bisher getrennt entschieden haben: Kommunen und Landbesitzer:innen, landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen und Finanzierer. Dass sich für den Bonner Pilotansatz parteiübergreifende Unterstützung gewinnen ließ, ist dabei eine ermutigende Erfahrung. Die gemeinsame Landschaft schafft einen Rahmen, in dem unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen können. Alle leben von ihr. Und alle haben etwas zu gewinnen, wenn ihre Lebensfähigkeit steigt.
Was auf einer Fläche wächst, wirkt über sie hinaus
Im Kottenforst wurden auf insgesamt sechs Hektar Wiederaufforstung und Waldschutz finanziert. Das unterstützende Unternehmen kam zugleich mit Mitarbeitenden und Führungskräften für Workshops und Naturerfahrungen in den Wald. Eine Fläche, die in einer Finanzierung zunächst abstrakt erscheinen mag, wurde zu einem Ort, an dem Menschen eine Beziehung aufbauen konnten. Sie konnten erleben, woran sie sich beteiligen und welche Leistungen ein gesunder Wald vermag.
Auf dem Hof Apfelbacher in Bornheim wurden wiederum Baumreihen mit landwirtschaftlicher Nutzung verbunden. Eine wesentliche Motivation für dieses Agroforstsystem ist der Wasserhaushalt: Die Bäume brechen den Wind und können so helfen, den Boden vor Austrocknung zu schützen. Zugleich wird Kohlenstoff gebunden, und es entstehen zusätzliche Lebensräume.
An solchen Beispielen wird sichtbar, warum die Natur unsere wirtschaftlichen Kategorien immer wieder herausfordert. Wir möchten wissen, welche einzelne Leistung eine Investition erbringt. Auf der Fläche entwickeln sich jedoch mehrere Fähigkeiten gemeinsam. Was dem Wasserhaushalt zugutekommt, kann auch die Anbaubedingungen verbessern. Was auf einem Feld geschieht, kann für Menschen weiter unten im Einzugsgebiet bedeutsam sein.
Die Fläche hat eine Eigentümerin oder einen Eigentümer. Ihr Vermögen wirkt über diese Grenze hinaus.
Genau darin liegt die Schwierigkeit der Finanzierung. Wer pflanzt, pflegt oder anders bewirtschaftet, trägt Aufwand und Risiko. Ein Teil des Nutzens entsteht bei anderen. Solange diese Beziehungen wirtschaftlich unsichtbar bleiben, erwarten wir von einzelnen Menschen, etwas zu leisten, von dem viele profitieren könnten.
Die unternehmerische Möglichkeit besteht darin, diese Verbindung herzustellen. Eine Region kann sich darüber verständigen, welche Fähigkeiten sie in ihrer Landschaft entwickeln möchte und wie sie dazu beitragen kann. Aus einer Abhängigkeit, die bisher kaum jemand beachtet hat, kann eine gemeinsame Aufgabe entstehen.
Messen, damit aus Wahrnehmung Handlung wird
Das Bonner Modell schafft hierfür eine erste Verbindung. Landbesitzer:innen sollen für nachgewiesene ökologische Leistungen honoriert werden. Unternehmen und andere Nutznießer können die Entwicklung mitfinanzieren. Damit beide Seiten sich aufeinander verlassen können, braucht es nachvollziehbare Informationen darüber, was auf den Flächen geschieht.
Die Machbarkeitsstudie betrachtet zunächst Kohlenstoffbindung, Wasserspeicherung und Biodiversität gemeinsam. Sie bringt die Bewirtschaftung einer Fläche, ihre ökologischen Wirkungen und deren Finanzierung in Beziehung. Für Leistungen, die bisher häufig vorausgesetzt wurden, soll dadurch eine wirtschaftliche Grundlage entstehen.
Abbildung 2: Die Arbeitslogik der Machbarkeitsstudie. Kohlenstoff, Wasser und Biodiversität bilden gemeinsame Beobachtungsdimensionen; die Darstellung ist keine vollständige Bewertung der Natur. Originalfolie 13, Stadt Bonn,01. September 2026.
Im Naturkapitalkonto werden unterschiedliche Indikatoren für eine Fläche zusammengeführt. Satellitengestützte Modelle helfen dabei, Kohlenstoff und die Wasserspeicherfähigkeit abzuschätzen. Für die Biodiversität kommen weitere Verfahren hinzu: DNA-Analysen von Pollen aus Wildbienen-Nisthilfen und akustische Erfassungen von Vögeln. Wie belastbar die Ergebnisse sind, wird weiter geprüft.
Abbildung 3: Das Naturkapitalkonto als Verbindung zwischen Landbewirtschaftung und Finanzierung. Investitionen ermöglichen Maßnahmen; dokumentierte Entwicklungen schaffen eine Grundlage für Vergütung und Nachweis. Originalfolie 14, Stadt Bonn, 01. September 2026.
Diese Arbeit ist wichtig. Denn wer über Jahre Verantwortung übernimmt, braucht mehr als nur eine gute Absicht. Es muss nachvollziehbar sein, welche zusätzliche Entwicklung ein Beitrag ermöglicht und wer welche Wirkung für sich beanspruchen darf. Mehrere Beteiligte können gemeinsam etwas finanzieren; derselbe ökologische Zuwachs darf dabei nicht mehrfach als jeweils eigener Erfolg ausgewiesen werden.
Zugleich müssen wir aufmerksam bleiben, was die Messung mit unserem Blick auf die Landschaft zu tun hat. Ein Wald erschöpft sich nicht in den Leistungen, für die sich gerade ein Käufer findet. Zum Naturkapital gehört auch seine Fähigkeit, sich zu erneuern und neue Entwicklungen hervorzubringen. Eine Landschaft besser gegen Starkregen zu schützen, ist deshalb ein wichtiger Schritt. Ob sie sich regeneriert, zeigt sich daran, wie ihre lebendigen Zusammenhänge sich weiterentwickeln.
Hier berührt die praktische Arbeit unsere Auseinandersetzung mit der Monokultur des Finanzkapitals. Mit den acht Kapitalformen fragen wir nach dem Zusammenspiel dessen, was Entwicklung trägt. Eine Finanzierung braucht Wissen über die Fläche, Erfahrung in ihrer Bewirtschaftung und Vertrauen zwischen den Beteiligten. Werden diese Fähigkeiten durch das Vorhaben gestärkt, wächst mehr als nur der Wert einer einzelnen Kennzahl.
Für uns lautet die entscheidende Frage deshalb: Werden die Menschen vor Ort handlungsfähiger? Können sie auf Veränderungen mit eigener Urteilskraft antworten? Ermöglicht die Finanzierung, aus Erfahrungen zu lernen und die Bewirtschaftung weiterzuentwickeln? Erst dann wird aus dem Wissen über eine Landschaft eine Kraft für ihre Entfaltung.
Wer bezahlt dafür, dass der Schaden ausbleibt?
Besonders greifbar wird diese Frage beim geplanten naturbasierten Hochwasserschutz im Hardtbach-System am Rand von Bonn. Dort untersucht die Kooperation, welche Maßnahmen Wasser im Boden halten, den Abfluss verlangsamen und die Erosion verringern könnten.
Die Idee verändert die Blickrichtung auf das Einzugsgebiet. Unternehmen und andere Betroffene im Unterlauf beteiligen sich an einem gemeinsamen Topf. Daraus werden Landbesitzer:innen weiter oben dafür vergütet, auf ihren Flächen zur Risikoverminderung beizutragen. Wer unten auf ein trockenes Lager angewiesen ist, ermöglicht oben eine Bewirtschaftung, die Wasser länger in der Landschaft hält.
Plötzlich wird aus einer geografischen Verbindung eine wirtschaftliche Beziehung.
Noch wird untersucht, welche Maßnahmen an welchen Stellen sinnvoll sind und welchen Nutzen sie erwarten lassen. Naturbasierter Hochwasserschutz ergänzt dabei die technische Infrastruktur. Wie beides zusammenwirkt, muss sich an den tatsächlichen Risiken orientieren. Die Natur kann viel beitragen; ein Versprechen vollständiger Sicherheit wäre unredlich.
Doch gerade an der Vorsorge zeigt sich, wie eng unser wirtschaftlicher Blick geworden ist. Für den behobenen Schaden liegt eine Rechnung vor. Für das Lager, das trocken geblieben ist, ist zunächst nur die Frage, ob es ohne die Maßnahme überflutet worden wäre. Die Ausgabe fällt heute an. Ihr Erfolg besteht möglicherweise darin, dass morgen etwas ausbleibt.
Wir müssen deshalb lernen, auch das zu finanzieren, dessen Wert sich im Fortbestehen guter Bedingungen zeigt. In einer Ernte, die verlässlicher wird. In einem Betrieb, der weiterarbeiten kann. In einer Landschaft, die Wasser hält, wenn es reichlich kommt, und länger davon zehrt, wenn es trocken wird.
In der Diskussion führte dieser Gedanke zur Gesundheitsprävention. Auch dort beschäftigt uns, wie Bedingungen entstehen, unter denen Menschen dauerhaft gesund bleiben können. Die Verbindung reicht tiefer als eine bloße Kostenanalogie: Gesundheit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit haben lebendige Voraussetzungen. Wer sie pflegt, investiert in das, woraus zukünftige Leistung überhaupt entstehen kann.
Die Rendite gehört zum Zusammenhang
Die Bonner Kooperation spricht von einem „konsortialen Return on Investment“. Der Begriff mag technisch klingen. Dahinter liegt eine Erfahrung, die sich leicht nachvollziehen lässt: Eine Investition kann für einen einzelnen Betrieb zu teuer erscheinen und für die Beteiligten gemeinsam dennoch sinnvoll sein.
Der Landwirt benötigt verlässliche Ernten. Ein Lebensmittelunternehmen braucht seine Lieferfähigkeit. Für die Bank zählt die langfristige wirtschaftliche Stabilität, für den Versicherer das mögliche Schadensrisiko. Die Kommune trägt Verantwortung für Siedlungen und öffentliche Infrastruktur. Alle blicken auf dieselbe Landschaft. In ihren Rechnungen erscheint sie jedoch auf unterschiedliche Weise und über unterschiedliche Zeiträume.
Damit wird die Gestaltung ihrer Zusammenarbeit zu einer unternehmerischen Aufgabe. Wie können die Beiträge zusammenkommen? Welche Verlässlichkeit benötigt die Landwirtin, um ihre Bewirtschaftung zu verändern? Welchen Nachweis benötigt das Unternehmen, um sich langfristig zu beteiligen? Und wer kann die verschiedenen Perspektiven so verbinden, dass daraus gemeinsames Handeln entsteht?
Die Diskussion verdeutlichte ein Dilemma: Während Versicherungen Risiken oft über höhere Prämien oder Leistungsausschlüsse steuern, bleibt die Gefährdung in der Landschaft unverändert bestehen.
Deshalb sucht die Kooperation nach konkreten Anschlüssen an bestehende Prozesse: nach Möglichkeiten, Verbesserungen in die Risikobewertung einzubeziehen, nach passenden Prämienmodellen und nach Unternehmen, die gemeinsam mit ihren Erzeuger:innen die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten stärken wollen. Ein einzelner Fonds allein wird diese Beziehungen nicht herstellen. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, über die Grenzen ihrer bisherigen Zuständigkeit hinauszudenken.
Mit einem Produkt anfangen und die Landschaft im Blick behalten
Eine solche Entwicklung muss irgendwo beginnen. Für die Bonner Arbeit sind das zunächst zwei Ansätze: Naturkapitalprojekte mit angestrebter CO₂-Anrechenbarkeit für Unternehmen sowie naturbasierter Hochwasserschutz.
Beim Waldumbau knüpft das Netzwerk an eine bereits verständliche Nachfrage an. Die Baumarten sollen vielfältiger und die Bestände widerstandsfähiger werden. Entnommenes Holz soll möglichst regional verwendet werden. Damit lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Waldes, seiner Finanzierung und der regionalen Holznutzung aufdecken.
In diesem Einstieg liegt eine Spannung, die uns im Gespräch immer wieder beschäftigte. Ein klares Angebot erleichtert es, Menschen zu gewinnen und erste Einnahmen zu erzielen. Zugleich lenkt es die Aufmerksamkeit auf diejenige bezahlte Wirkung. Wenn Kohlenstoff den Zugang eröffnet, müssen Wasserhaushalt und Biodiversität in den Entscheidungen dennoch Gewicht behalten. Die verkaufte Leistung darf nicht darüber bestimmen, welche Teile des lebendigen Zusammenhangs wir noch wahrnehmen.
Für uns gehört diese Spannung zum regenerativen Unternehmertum. Ein Unternehmen muss mit seinem Angebot heute anschlussfähig sein und zugleich Bedingungen für eine Entwicklung schaffen, deren Möglichkeiten noch gar nicht vollständig sichtbar sind. Das verlangt eine gemeinsame Richtung und die Freiheit, im Handeln dazuzulernen.
Deshalb kommt es auf die konkrete Gestaltung an: auf die Auswahl der Flächen, die Verteilung der Risiken und Verträge, die den Entwicklungszeiten von Boden und Vegetation entsprechen. Die Bewirtschaftenden brauchen Verlässlichkeit und Raum für ihre Erfahrung. Eine sich vor Ort als ungeeignet erweisende Maßnahme muss geändert werden können.
„Naturkapitalfonds“ bezeichnet dabei eine Entwicklungsaufgabe; die passende rechtliche, organisatorische und finanzielle Form wird noch erarbeitet. Zusätzliche Beiträge sollen öffentliche Aufgaben unterstützen. Die öffentliche Verantwortung bleibt bestehen, ebenso die Verfügung der Bewirtschaftenden über ihre Flächen. Bestehende Förderungen müssen berücksichtigt werden. Auch ein Unternehmen bleibt für die Folgen seines eigenen Wirtschaftens verantwortlich, wenn es sich regional engagiert.
Gerade diese Sorgfalt macht unternehmerischen Mut tragfähig. Wer Neues beginnt, muss Verantwortung so gestalten, dass andere sich darauf einlassen können.
Eine solidarische Beziehung zur Landschaft
Gegen Ende des Resonanzraums führte uns die Diskussion ins Münsterland zurück, zur solidarischen Landwirtschaft „Crowdsalat“. Dort war die IRM mit einem Regenerativen Salon zu Gast gewesen. Menschen tragen gemeinsam den landwirtschaftlichen Prozess und erhalten Lebensmittel. Zugleich entstehen Beziehungen zum Hof, zur Natur und zueinander. Ihre regelmäßigen Beiträge verleihen der Arbeit am Ort Verlässlichkeit.
Was würde geschehen, wenn wir diesen Gedanken auf eine ganze Landschaft anwendeten?
Unternehmen, Kommunen und weitere Beteiligte könnten sich langfristig daran beteiligen, die natürlichen Voraussetzungen ihrer Region zu erneuern. Geld würde in die Landschaft zurückfließen, die ihr Wirtschaften trägt. Es würde dort zu bezahlter Arbeit, zu Pflege und zur Möglichkeit führen, etwas zu beginnen, dessen Ergebnis bisher nicht vollständig feststeht.
Was daraus entsteht, käme in unterschiedlichen Formen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zurück: als verlässlichere Versorgung, geringeres Risiko, Erholungsraum, Wissen oder eine stärkere Verbindung zur eigenen Mitwelt. Ein Teil dieses Vermögens wäre sofort erfahrbar. Ein anderer würde sich erst über Jahre hinweg entfalten.
Eine Region lässt sich nicht wie ein einzelner Gemüsehof organisieren. Die Beteiligten sind zahlreicher, die Interessen konfliktreicher, die Wirkungen schwerer zuzuordnen. Doch die Erfahrung wirft eine Frage auf, die uns weiterführen kann: Welche Sicherheit können wir einander geben, damit jene Menschen langfristig handeln können, die unsere Lebensgrundlagen pflegen?
An dieser Stelle wird unsere soziale, kognitive und ökonomische Architektur einer Regenerativen Marktwirtschaft konkret. Menschen benötigen Orte, an denen sie einander begegnen und Vertrauen entwickeln. Sie benötigen gemeinsame Wahrnehmung, Wissen und die Möglichkeit, ihre unterschiedlichen Erfahrungen zu verbinden. Und sie brauchen wirtschaftliche Formen, durch die sie das Erkannte gemeinsam tragen können.
Kooperation ist eine Voraussetzung dafür, dass Investitionen ihre Wirkung entfalten können. Sie entsteht dort, wo Menschen sich aufeinander einlassen, Meinungsverschiedenheiten austragen und durch die Perspektive der anderen auch ihren eigenen Blick verändern. In Bonn gehört diese Arbeit an Beziehungen zur Arbeit an der Landschaft dazu.
Was vermag eine Region, die gemeinsam handelt?
Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung dieses Vorhabens. Die einzelnen Bausteine sind bekannt: Flächen, ökologische Messverfahren, Finanzierungsverträge und Kooperation. Die Aufgabe besteht darin, sie so miteinander zu verbinden, dass Menschen tatsächlich beginnen können und die Entwicklung über Jahre hinweg getragen wird.
Eine bepflanzte Fläche benötigt Pflege. Ein Messsystem benötigt Menschen, die aus seinen Ergebnissen Konsequenzen ziehen. Eine Finanzierung benötigt einen Zeithorizont, in dem sich Boden und Vegetation entwickeln können. Und eine gemeinsame Richtung benötigt Beteiligte, die sie mit ihren unterschiedlichen Möglichkeiten verfolgen.
In der Bonner Kooperation wird daran gearbeitet. Erste Flächen sind finanziert. Weitere Partnerschaften werden vorbereitet. Für das Einzugsgebiet wird untersucht, welche Entwicklung möglich wäre. Vieles ist noch offen. Gerade deshalb ist es bedeutsam, dass Menschen bereits Verantwortung übernehmen und aus ihren Erfahrungen lernen.
Hier beginnt Vermögensentfaltung. Eine Region verfügt über Flächen, Gebäude und finanzielle Mittel. Zugleich verfügt sie über Menschen mit Wissen, Erfahrung und Ideen. Was sie gemeinsam vermag, entsteht daraus, wie diese Fähigkeiten zueinanderfinden und welche Entwicklung sie ermöglichen.
Wenn Geld Pflege ermöglicht, Menschen ihr Können vertiefen und Böden an Fruchtbarkeit gewinnen, kann eine Entwicklung entstehen, die weitere Entwicklung begünstigt. Gelungene Zusammenarbeit schafft Vertrauen für den nächsten Schritt. Geteiltes Wissen eröffnet anderen neue Möglichkeiten. Eine lebendigere Landschaft kann mehr Menschen versorgen und mehr Leben hervorbringen. Dieses Potenzial liegt vor unserer Haustür.
Re:Growth erhält hier eine sehr konkrete Bedeutung. Was wollen wir wachsen sehen? Was braucht es dafür? Und welchen Beitrag können wir selbst leisten? Die Antworten werden in jeder Region unterschiedlich ausfallen. Sie entstehen aus dem Ort, aus seinen Menschen und aus der Bereitschaft, gemeinsam etwas zu beginnen.
Die gesperrte Brücke fordert unsere Aufmerksamkeit sofort. Der Boden oberhalb des Gewerbegebiets liegt währenddessen still da. Ob er Wasser aufnehmen kann, wie er bewirtschaftet wird und wer seine Pflege trägt, betrifft die Unternehmen unten im Tal längst.
Vielleicht beginnt eine Regenerative Marktwirtschaft damit, dass wir diesen Boden wieder sehen. Dass wir die Menschen kennenlernen, die ihn bewirtschaften. Und dass wir gemeinsam in das Vermögen investieren, von dem wir alle leben.
Unser Dank gilt allen Teilnehmenden. Die in Bonn gesammelten Erfahrungen sollen dazu beitragen, ähnliche regionale Vorhaben auch andernorts zu ermöglichen.
Über die Autoren
Sebastian Fittko
Sebastian Fittko ist Mitgründer und Erster Vorsitzender der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. sowie Gründer von regeneration PARTNERS. Er begleitet Unternehmerfamilien, Familienunternehmen und Vermögensinhaber:innen dabei, Kapital, unternehmerische Verantwortung und die Entwicklung lebendiger Systeme zusammenzudenken. Im Zentrum steht der Weg von der Vermögensverwaltung zur Vermögensentfaltung: Welche Fähigkeiten, Beziehungen und Zukunftsmöglichkeiten können durch den Einsatz von Vermögen wachsen? Seine Arbeit verbindet regenerative Ökonomie, Impact Investing und unternehmerische Transformation. Als Dozent an der ESCP Business School arbeitet er zudem mit Studierenden an regenerativen Geschäftsmodellen und an dem Beitrag digitaler Technologien zu deren Umsetzung.
Daniel Valenzuela
Daniel Valenzuela ist einer der Pioniere, die daran arbeiten, Naturkapital als Anlageklasse in Europa zu etablieren — seit 2023 in Spanien und seit Sommer 2024 ist er dafür zurück in seine Heimat gekommen. Dort erarbeitet er als Projektleiter der Stadt Bonn zurzeit einen Naturkapitalfonds in Kooperation mit dem Verein Regionales Naturkapital. Zuvor war er Gründungsmitglied des €300 Mio. World Fund wo er insbesondere das Fundraising verantwortete und als Mathematiker die Klimawirkungs-Methodik “Climate Performance Potential” entwickelte, die in wissenschaftliche Publikationen (TU Berlin) und globale Standards der Finanzindustrie (Project Frame & GFANZ) einfloss.
Ausblick: Am 7. Oktober mit Andreas Kunsmann von Polycare
Unser nächster IRM-Resonanzraum findet am 7. Oktober 2026 statt. Zu Gast ist Andreas Kunsmann, CEO von Polycare.
Von der lebendigen Landschaft führt uns der Blick damit zur gebauten Welt. Polycare entwickelt kreislauffähige Bausysteme, deren Bauteile wiederverwendet werden können. Welche Möglichkeiten eröffnet das für eine Bauwirtschaft, die ihre Materialien langfristig im Kreislauf hält? Und wie wird aus einer technischen Innovation ein tragfähiges Unternehmen, das diesen Wandel vorantreibt? Wir freuen uns darauf, diese Fragen gemeinsam mit Andreas und Euch zu erkunden.
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Ihr habt Interesse und wollt über die Möglichkeiten sprechen, dann schreibt Sebastian.
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Der Vorstand der IRM
Sebastian Fittko, Thomas Schindler und Gregor Erkel












