Wirtschaft beginnt in Beziehung
Warum Stakeholder keine Anspruchsgruppen sind, sondern Resonanzräume regenerativen Wirtschaftens
Dieser Text ist aus der Vorbereitung einer Masterclass für die Training Days 2026 “Reallabor Zukunft” bei der Wir bauen Zukunft eG entstanden. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie regeneratives Unternehmertum nicht nur als innere Haltung oder strategisches Leitbild verstanden werden kann, sondern auch als konkrete Praxis der Beziehungsgestaltung nach außen.
Dafür haben wir unser Multi-Capital-Framework weiterentwickelt: weg von einer reinen Betrachtung unterschiedlicher Kapitalformen im Unternehmen hin zu ihrer Anwendung auf Stakeholder-Beziehungen. Denn wenn Unternehmen nicht isoliert wirken, sondern in Beziehungsräumen, stellt sich eine andere Frage: Welche Kapitalformen werden in diesen Beziehungen genährt, welche werden verbraucht, und wo entstehen Resonanzräume, in denen menschliches Potenzial, Vertrauen, Vitalität und regenerative Wirkung wachsen können?
Das Workshop-Deck rahmt diese Perspektive entsprechend als „Regeneratives Unternehmertum – ein Resonanzraum für Vitalität, Beziehung und regenerative Wirkung“.
Author: Sebastian Fittko
Bevor Wirtschaft Zahl wird, ist sie Beziehung
Wir haben uns daran gewöhnt, Wirtschaft in Zahlen zu lesen. Umsatz, Marge, Wachstum, Produktivität, Marktanteil, Rendite. Wer wirtschaftlich denkt, denkt in Kennzahlen. Wer strategisch denkt, denkt in Geschäftsmodellen. Wer verantwortlich denkt, ergänzt vielleicht um Wirkung, CO₂, Gemeinwohl oder Impact.
Doch bevor Wirtschaft Zahl wird, ist sie Beziehung.
Beziehung zwischen Menschen. Beziehung zu Orten. Beziehung zu Ressourcen. Beziehung zu Arbeit, Kapital, Wissen, Kultur, Natur und Zukunft. Kein Unternehmen existiert für sich allein. Es lebt von Voraussetzungen, die es nicht vollständig selbst erzeugt: Vertrauen, Aufmerksamkeit, intakte Ökosysteme, funktionierende Infrastrukturen, gemeinsames Wissen, soziale Stabilität, kulturelle Erzählungen darüber, was als wertvoll gilt.
Die klassische Ökonomie hat diese Voraussetzungen lange Zeit als Umwelt behandelt. Als Kontext. Als Externalität. Als etwas, das außerhalb des eigentlichen Wirtschaftens liegt. Doch genau diese Trennung wird in einer vollen, erschöpften, fragmentierten Welt immer weniger haltbar.
Wenn Vertrauen erodiert, wird die Wirtschaft teuer. Wenn Naturgrundlagen erschöpft sind, werden Lieferketten brüchig. Wenn Menschen ihre Selbstwirksamkeit verlieren, schrumpft die Innovationskraft. Wenn Kultur nur noch Konsum, Konkurrenz und Beschleunigung erzählt, verliert Unternehmertum seine Richtung. Wenn Sinn fehlt, bleibt Wachstum leer.
Die eigentliche Frage unserer Zeit lautet daher nicht nur:
Wie schaffen wir mehr Wert?
Sie lautet:
Welche Beziehungen ermöglichen überhaupt, dass Wert entstehen kann – und welche Beziehungen zerstören jene Grundlagen, von denen die Wirtschaft lebt?
Genau an dieser Stelle beginnt regeneratives Unternehmertum. Nicht als weiteres Nachhaltigkeitslabel. Nicht als moralische Verfeinerung von CSR. Nicht als romantische Sehnsucht nach einer besseren Wirtschaft. Sondern als nüchterne und zugleich tiefgreifende Erweiterung unseres ökonomischen Blicks: Wirtschaft ist kein isolierter Mechanismus zur Wertabschöpfung. Wirtschaft ist ein lebendiges Beziehungsgefüge. Und die Qualität dieser Beziehungen entscheidet darüber, ob Vitalität entsteht oder Erschöpfung.
Die alte Gleichung trägt nicht mehr
Lange folgte unsere wirtschaftliche Erzählung einer einfachen Gleichung:
Wachstum = BIP = Wohlstand = Fortschritt
Diese Gleichung hat die Moderne geprägt. Sie hat enorme materielle Produktivität hervorgebracht, technische Möglichkeiten erweitert und vielen Menschen ein historisch neues Maß an Versorgung ermöglicht. Aber sie hat zugleich etwas Entscheidendes verdeckt: Nicht jede Zunahme wirtschaftlicher Aktivität ist eine Zunahme des Wohlstands.
Das Workshop-Deck stellt diese Frage bewusst: „Wachstum = BIP = Wohlstand = Fortschritt?“ und zeigt anschließend die Entkopplung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und umfassendem Wohlstand. Während das BIP steigen kann, können soziale Gesundheit, ökologische Stabilität oder die tatsächliche Lebensqualität stagnieren oder sinken.
Damit wird sichtbar: Wir haben Wohlstand zu lange eindimensional gelesen. Wir haben Finanzkapital gemessen und dabei übersehen, dass es häufig durch Umwandlung, Verbrauch oder Erschöpfung anderer Kapitalformen entsteht.
Natürliches Kapital wird zu Rohstoff. Soziales Kapital wird zu Arbeitskraft. Kulturelles Kapital wird zu Markenidentität. Intellektuelles Kapital wird zum Patent. Erfahrungskapital wird zu Effizienz. Sinn wird zu Purpose-Kommunikation.
Die Frage ist nicht, ob diese Übersetzungen per se falsch sind. Die Frage ist, ob sie reziprok sind. Ob also durch wirtschaftliches Handeln jene Kapitalformen, aus denen Wert entsteht, auch wieder genährt werden – oder ob sie nur in Finanzkapital umgewandelt und damit langfristig erschöpft werden.
Hier liegt der Unterschied zwischen extraktivem und regenerativem Wirtschaften.
Extraktives Wirtschaften privatisiert Gewinne, sozialisiert Kosten und erschöpft Lebensgrundlagen. Regeneratives Wirtschaften fragt, wie Wertschöpfung so gestaltet werden kann, dass Mensch und Biosphäre gedeihen. Im Workshop wird diese Gegenüberstellung als Übergang von einer Externalisierungswirtschaft zu einer regenerativen Wirtschaft beschrieben: von einer Logik, die Gewinne privatisiert und Kosten sozialisiert, zu einer Wertschöpfung durch Potenzialentfaltung im Einklang mit Mensch und Natur.
Acht statt eins: Das Multi-Capital-Framework
Wenn wir nur auf eine Kapitalform optimieren, bekommen wir eine Wirtschaft, die nur eine Kapitalform wirklich ernst nimmt.
Das ist die Logik eines eindimensionalen Kapitalismus: Finanzkapital wird zur dominanten Zielgröße. Alles andere wird zum Mittel, Ressource, Kostenstelle oder Risiko. Doch eine Wirtschaft, die nur eine Form von Kapital systematisch misst und belohnt, wird andere Kapitalformen systematisch verbrauchen.
Deshalb benötigt regeneratives Wirtschaften ein anderes Vermögensverständnis.
Das Multi-Capital-Framework fragt nicht nur nach Geld, sondern nach den Kapitalformen, die Leben, Wirtschaft und Gesellschaft tragen:
finanzielles Kapital
materielles Kapital
natürliches Kapital
soziales Kapital
kulturelles Kapital
intellektuelles Kapital
Erfahrungskapital
spirituelles Kapital
Im Workshop wird dieser Perspektivwechsel als „8 statt 1“ eingeführt: Was wäre, wenn wir nicht nur eine Zielgröße, sondern multiple Kapitale betrachten würden?
Doch der entscheidende Schritt liegt nicht nur darin, acht Kapitalformen im Unternehmen zu benennen. Der entscheidende Schritt liegt darin, diese Kapitalformen in Beziehung zu lesen.
Denn Kapital ist nicht einfach vorhanden. Es entsteht, zirkuliert, wächst oder erodiert in Beziehungen.
Vertrauen entsteht nicht in einer Bilanz. Es entsteht zwischen Menschen. Wissen entsteht nicht nur in Datenbanken. Es entsteht in Lernbeziehungen. Kultur entsteht nicht in Leitbildern. Sie entsteht in wiederholten Praktiken. Erfahrung entsteht nicht in Konzepten. Sie entsteht im Tun. Sinn entsteht nicht in Slogans. Er entsteht dort, wo Menschen ihr Handeln mit einem größeren Zusammenhang verbinden können. Naturkapital entsteht nicht durch Kompensation, sondern durch reale ökologische Regenerationsprozesse. Finanzkapital wird erst dann zukunftsfähig, wenn es die anderen Kapitalformen nicht aufzehrt, sondern in ihre Erneuerung zurückgebunden wird.
So verstanden ist das Multi Capital Framework keine Checkliste. Es ist eine Wahrnehmungsschule.
Es hilft uns zu fragen:
Was geschieht in einer Beziehung mit den Kapitalformen, von denen Zukunftsfähigkeit lebt?
Welche werden genährt? Welche werden verbraucht? Welche bleiben unsichtbar? Welche bilden den Engpass? Und welche könnten, wenn wir sie stärken, einen neuen Potenzialraum öffnen?
Genau diese Frage steht im Zentrum der MCF-Übung des Workshops: „Wo entsteht in dieser Beziehung Vitalität – und wo verliert das System Energie?“ Die acht Kapitalformen werden dort explizit auf Stakeholder-Beziehungen angewendet: Geldflüsse, Infrastruktur, Naturgrundlagen, Vertrauen, Kultur, Wissen, Erfahrung und Sinn werden als Qualitäten verstanden, die durch Beziehungen ermöglicht oder begrenzt werden.
Stakeholder sind keine Anspruchsgruppen
Der Begriff Stakeholder stammt aus einer Zeit, in der man begann, Unternehmen nicht mehr nur aus Sicht der Eigentümer zu betrachten. Das war ein wichtiger Fortschritt. Plötzlich waren nicht mehr nur Shareholder relevant, sondern auch Mitarbeitende, Kund:innen, Lieferant:innen, Gesellschaft, Öffentlichkeit und andere Anspruchsgruppen.
Doch auch diese Sprache bleibt oft noch zu funktional. Stakeholder werden identifiziert, priorisiert, gemanagt, informiert, beteiligt, befriedet. Sie treten als Anspruchsträger im Umfeld des Unternehmens auf.
Regenerativ betrachtet reicht das nicht.
Denn Stakeholder sind nicht nur Anspruchsgruppen. Sie sind Beziehungspartner in einem lebendigen Feld. Sie sind Teil jener Resonanzräume, in denen Energie entsteht oder verloren geht, Vertrauen wächst oder beschädigt wird, Potenzial sichtbar wird oder blockiert bleibt.
Darum beginnt die Arbeit nicht zwingend mit einer vollständigen Stakeholder-Analyse. Der erste Schritt ist oft viel einfacher und zugleich unmittelbarer: ein Resonanz-Scan.
Welche Außenbeziehungen geben gerade Kraft? Welche kosten Energie? Wo liegt ein Potenzialraum, der noch nicht geöffnet ist?
Im Workshop werden die Teilnehmenden genau dazu eingeladen: 1–2 Energiequellen, 1–2 Energielecks und 1–2 Potenzialräume sichtbar zu machen. Nicht als finale Analyse, sondern als Einstieg in eine andere Art des Sehens.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn viele Organisationen kennen ihre Stakeholder, aber nicht die Energie ihrer Beziehungen. Sie wissen, wer relevant ist, aber nicht, wo Resonanz entsteht. Sie wissen, wer Einfluss hat, aber nicht, wo Vertrauen blockiert ist. Sie wissen, wen sie brauchen, aber nicht, was die Beziehung braucht.
Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.
Nicht: Wie managen wir Stakeholder effizienter?
Sondern: Welche Beziehung braucht welche Qualität, damit Zukunftsfähigkeit entstehen kann?
Resonanz statt Verfügbarkeit
An dieser Stelle berührt regeneratives Unternehmertum eine zentrale Einsicht von Hartmut Rosa.
Rosa beschreibt Resonanz nicht als bloß angenehme Beziehung, sondern als eine Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt berühren und zugleich verändern. In seiner Resonanztheorie steht diese Qualität ausdrücklich einer modernen Haltung entgegen, die die Welt primär verfügbar, beherrschbar und nutzbar machen will. Resonanz ist damit gerade nicht vollständig herstellbar oder kontrollierbar; sie ereignet sich in einem antwortenden Verhältnis.
Das ist für regeneratives Wirtschaften entscheidend. Denn viele Organisationen behandeln Stakeholder-Beziehungen noch immer im Modus der Verfügbarkeit. Kund:innen sollen für Nachfragen erreichbar sein. Mitarbeitende als Leistung. Lieferant:innen als Kapazität. Fördermittelgeber als Finanzierung. Natur als Ressource. Öffentlichkeit als Aufmerksamkeit. Selbst die Beziehung wird dann zu etwas, das man „managt“, „aktiviert“, „bespielt“ oder „skaliert“.
Doch Resonanz entsteht nicht, wenn der andere nur Mittel zum Zweck bleibt. Resonanz entsteht dort, wo eine Beziehung antwortfähig wird. Wo nicht alles im Voraus durch Ziel, KPI, Berichtspflicht, Rolle oder Gegenleistung festgelegt ist. Wo zwischen den Beteiligten ein Raum entsteht, in dem etwas Neues geschehen kann.
Das heißt nicht, dass regenerative Beziehungen bedingungslos oder grenzenlos sein müssen. Im Gegenteil: Sie benötigen Klarheit, Form und Verantwortung. Aber sie dürfen nicht vollständig unter definierten Bedingungen aufgelöst werden. Wenn jede Handlung nur noch die Ausführung eines vorab bestimmten Zwecks ist, entsteht keine Resonanz. Dann bleibt Beziehung funktional.
Energie entsteht in sozialer Interaktion dort, wo Menschen nicht nur Rollen erfüllen, sondern als prosoziale Akteure selbstwirksam entscheiden können: Ich bringe etwas ein. Ich antworte auf das, was mir begegnet. Ich übernehme Verantwortung. Ich werde nicht nur gesteuert, sondern gestalte mit. Ich führe nicht aus, sondern ich handle.
Genau in diesem Moment kann Beziehung mehr werden als Austausch. Sie wird zu einem Resonanzraum.
Hier liegt auch der Unterschied zwischen Transaktion und Reziprozität. In der Transaktion ist die Gegenleistung definiert. Ich gebe, weil ich dafür etwas Bestimmtes bekomme. Das ist notwendig und oft fair. Aber es bleibt begrenzt.
In der Reziprozität ist die Beziehung nicht beliebig, aber offen genug, damit zwischen den Beteiligten etwas entstehen kann, das zuvor nicht vollständig planbar war: Vertrauen, Lernen, Mut, gemeinsame Verantwortung, neue Möglichkeiten.
Regenerative Unternehmer:innen gestalten daher nicht selbst Resonanz. Sie gestalten die Bedingungen, unter denen Resonanz wahrscheinlicher wird. Sie schaffen Räume, in denen Stakeholder nicht nur funktionieren, sondern auch antworten können. In denen Kund:innen nicht nur konsumieren, sondern auch mitgestalten. In denen Fördermittelgeber nicht nur kontrollieren, sondern auch mitlernen. In denen Lieferant:innen nicht nur liefern, sondern auch Resilienz mitentwickeln. In denen die Natur nicht nur genutzt, sondern auch als lebendige Grundlage in Entscheidungen einbezogen wird.
Das ist keine weiche Ergänzung zur Strategie. Es ist eine andere Theorie der Wertschöpfung.
Wert entsteht nicht nur dadurch, dass Input in Output verwandelt wird. Wert entsteht auch dadurch, dass Beziehungen so gestaltet werden, dass Menschen und Systeme mehr Möglichkeiten bekommen, sinnvoll zu handeln.
Genau dort entfaltet sich Potenzial.
Wirtschaft ist nicht wertneutral
Wenn wir Wirtschaft so verstehen, wird auch eine zweite philosophische Linie wichtig: Wirtschaft ist nicht wertneutral.
Hier lässt sich eine Verbindung zu Markus Gabriel herstellen. Gabriel argumentiert im Rahmen seines moralischen Realismus, dass moralisch relevante Urteile nicht bloß subjektive Geschmacksfragen sind. Für eine regenerative Marktwirtschaft ist das relevant, weil viele ökonomische Debatten so tun, als könne man Wertschöpfung zunächst neutral organisieren und moralische Fragen anschließend ergänzen: durch Nachhaltigkeitsberichte, Ethikleitlinien, Impact-Messung oder Compliance.
Doch wenn Wirtschaft eine Beziehung ist, dann ist jede wirtschaftliche Entscheidung bereits normativ aufgeladen. Sie entscheidet, wer gesehen wird und wer nicht. Wer mitgestalten darf und wer nur genutzt wird. Welche Kosten eingepreist werden und welche externalisiert bleiben. Welche Kapitalformen wachsen und welche degenerieren? Welche Zukunft wird wahrscheinlicher?
Eine Lieferantenbeziehung ist deshalb nicht nur eine Beschaffungsfrage. Sie ist auch eine Frage nach Macht, Risiko, Resilienz und Würde.
Eine Kund:innenbeziehung ist nicht nur eine Marktfrage. Sie ist auch eine Frage von Mündigkeit, Bedürfnisformung und Potenzialentfaltung.
Eine Finanzierungsbeziehung ist nicht nur eine Kapitalfrage. Sie ist auch eine Frage von Abhängigkeit, Vertrauen und Handlungsspielraum.
Eine Beziehung zur Natur ist nicht nur eine Ressourcenfrage. Sie ist eine Frage der Lebensgrundlagen.
Gabriels Perspektive hilft, die regenerative Ökonomie nicht als bloße Stilrichtung der Nachhaltigkeit zu verstehen, sondern als moralisch-realistische Erweiterung der wirtschaftlichen Vernunft. Es gibt reale Unterschiede zwischen Beziehungen, die Potenzial entfalten, und Beziehungen, die Menschen und Lebensgrundlagen funktionalisieren. Es gibt reale Unterschiede zwischen Wertschöpfung, die ihre Zukunftsfähigkeit aufbaut, und Wertschöpfung, die ihre eigenen Voraussetzungen zerstört.
Regenerative Marktwirtschaft behauptet daher nicht: Alles ist Beziehung und deshalb irgendwie gut.
Sie fragt präziser:
Welche Qualität haben diese Beziehungen? Welche Wirklichkeit erzeugen sie? Welche moralischen, sozialen und ökologischen Tatsachen werden durch sie sichtbar? Und welche Form des Wirtschaftens wird dadurch möglich?
Beziehung ist die Infrastruktur regenerativer Wirtschaft
Wir sprechen oft von Infrastruktur, wenn wir Straßen, Netze, Gebäude, Energieversorgung oder digitale Systeme meinen. Doch die vielleicht wichtigste Infrastruktur einer regenerativen Wirtschaft ist relational.
Ohne Vertrauen keine Kooperation. Ohne Kooperation keine Lernfähigkeit. Ohne Lernfähigkeit keine Transformation. Ohne Transformation keine Zukunftsfähigkeit.
Beziehung ist kein weicher Faktor neben der eigentlichen Strategie. Beziehung ist die Infrastruktur, durch die Strategie überhaupt wirksam werden kann.
Das gilt besonders dort, wo die alten Steuerungslogiken an Grenzen kommen. Komplexe Transformationen lassen sich nicht einfach durch Pläne, Kennzahlen und Kontrolle bewältigen. Sie brauchen geteilte Wahrnehmung, gemeinsame Sprache, Vertrauen in Unsicherheit, die Fähigkeit zum Konflikt und die Bereitschaft, Verantwortung nicht nur formal, sondern lebendig zu teilen.
Das ist der Grund, warum die regenerative Wirtschaft nicht nur neue Produkte braucht. Sie braucht neue Beziehungslogiken.
Im Workshop unterscheiden wir vier solcher Logiken: extraktiv, transaktional, stabilisierend und regenerativ-reziprok. Diese Bewegung wird im Deck ausdrücklich als Übergang „von Stakeholder-Management zu Resonanzräumen“ beschrieben.
Vier Beziehungslogiken
Eine extraktive Beziehung entnimmt mehr, als sie hineingibt. Sie betrachtet den anderen primär als Ressource: Kund:innen als Umsatzquelle, Fördermittelgeber als Geldquelle, Lieferant:innen als Kostenposition, Natur als Materiallager, Öffentlichkeit als Aufmerksamkeit, Mitarbeitende als Leistungsträger. Kurzfristig kann das erfolgreich wirken. Langfristig erodieren Vertrauen, Energie und Zukunftsfähigkeit.
Eine transaktionale Beziehung ist fairer, aber begrenzt. Sie fragt: Was tauschen wir aus? Leistung gegen Geld. Bericht gegen Förderung. Produkt gegen Zahlung. Zugang gegen Sichtbarkeit. Diese Logik ist notwendig, aber sie bleibt funktional. Sie schafft Verlässlichkeit, aber noch nicht zwingend Vitalität.
Eine stabilisierende Beziehung geht weiter. Sie achtet auf Tragfähigkeit, Belastungsgrenzen, faire Bedingungen, Transparenz und Verlässlichkeit. Sie verhindert Erschöpfung. Aber auch Stabilität ist noch nicht Regeneration. Eine Beziehung kann stabil sein und dennoch kein neues Potenzial entfalten.
Eine regenerative oder reziproke Beziehung versteht die Beziehung schließlich nicht nur als Austausch, sondern als Entwicklungsraum. Beide Seiten bringen etwas ein. Beide Seiten dürfen schöpfen. Und zwischen ihnen entsteht etwas, das keine Seite allein erzeugen könnte: Vertrauen, Lernen, Sinn, Resilienz, Mut, gemeinsame Wirksamkeit.
Das ist der Kern: Regeneration geschieht nicht durch einseitiges Geben. Und sie geschieht auch nicht durch eine einseitige Entnahme. Sie geschieht dort, wo Reziprozität lebendig wird.
Die regenerative Beziehungsfrage
Die regenerative Beziehungsfrage lautet daher:
Was braucht eine Beziehung von mir, damit sie lebendig wird? Und was brauche ich aus dieser Beziehung, damit mein Beitrag dauerhaft tragfähig bleibt?
Diese Frage schützt uns vor zwei Missverständnissen.
Das erste Missverständnis: Regenerativ heißt, nichts mehr zu entnehmen.
Das zweite Missverständnis: Regenerativ heißt, immer mehr zu geben.
Beides führt nicht weit. Das eine macht Wirtschaft unmöglich. Das andere führt zur Selbstausbeutung. Regenerative Beziehungen brauchen keine moralische Überhöhung, sondern eine lebendige Balance zwischen Geben, Entnehmen und Erneuerung.
Was gebe ich hinein?
Aufmerksamkeit, Vertrauen, Wissen, Kapital, Zugang, Zeit, Anerkennung, Risiko, Schutz, Sichtbarkeit, Räume.
Was entsteht zwischen uns?
Resonanz, Lernen, Verbindlichkeit, Innovation, Mut, Zugehörigkeit, Zukunftsbilder, geteilte Verantwortung.
Was darf ich entnehmen?
Energie, Orientierung, Legitimität, Einkommen, Wissen, Kooperation, Wirkung, Vertrauen, Handlungsspielraum.
Diese Dreiteilung wird im Workshop als regenerative Beziehungsfrage formuliert.
Gerade darin liegt ihre Kraft. Sie macht sichtbar, dass regenerative Wirtschaft nicht gegen wirtschaftliche Tragfähigkeit gedacht werden kann. Ein Unternehmen, das nichts entnimmt, kann nicht bestehen. Ein Unternehmen, das nur entnimmt, zerstört seine Grundlagen. Ein Unternehmen, das reziproke Resonanzräume gestaltet, kann Wirkung und Tragfähigkeit miteinander verbinden.
Potenzial entfaltet sich nicht isoliert
Wir sprechen oft über Potenzial, als läge es im einzelnen Menschen verborgen und müsste nur aktiviert werden. Doch menschliches Potenzial entfaltet sich nicht isoliert. Es entfaltet sich in Beziehung.
Menschen werden nicht dadurch lebendig, dass sie als Ressource optimal eingesetzt werden. Sie werden lebendig, wenn sie sich gesehen fühlen, mitgestalten können, Vertrauen erfahren, ihr Beitrag Bedeutung hat und erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht.
Das gilt innerhalb von Organisationen. Aber es gilt auch nach außen.
Kund:innen können reine Käufer:innen sein – oder Mitgestalter:innen. Nutzer:innen können Zielgruppe sein – oder Quelle von Erfahrungswissen. Fördermittelgeber können Kontrollinstanz sein – oder Lernpartner. Lieferant:innen können Kostenfaktoren sein – oder Partner resilienter Wertschöpfung. Kommunen können Genehmigungsinstanzen sein – oder Resonanzräume regionaler Zukunft. Natur kann eine Ressource sein – oder eine lebendige Grundlage, deren Regenerationsfähigkeit zur unternehmerischen Aufgabe wird.
In all diesen Beziehungen entscheidet sich, ob Potenzial blockiert oder entfaltet wird.
Hier berührt regeneratives Unternehmertum eine tiefere anthropologische Frage: Unter welchen Bedingungen werden Menschen schöpferisch, verantwortungsfähig und lebendig? Nicht unter bloßem Druck. Nicht unter reiner Kontrolle. Nicht in Beziehungen, in denen sie nur Mittel zum Zweck sind. Sondern dort, wo Beziehung Resonanz ermöglicht.
Wenn wir diese Einsicht ernst nehmen, dann ist Stakeholder-Arbeit kein Kommunikationsmodul. Sie ist eine zentrale Praxis regenerativen Wirtschaftens.
Vom Bericht zum Lernraum
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: die Beziehung zu einem Fördermittelgeber.
In der transaktionalen Logik ist diese Beziehung klar: Geld gegen Bericht. Förderung gegen Nachweis. Kennzahlen gegen Legitimation. Das ist nicht falsch. Aber es bleibt begrenzt.
Die regenerative Frage lautet: Was müsste in dieser Beziehung entstehen, damit nicht nur Kontrolle und Nachweis möglich sind, sondern gemeinsames Lernen über Wirkung?
Ein kleines Experiment könnte sein, einen klassischen Zwischenbericht nicht einfach zu senden, sondern ihn mit einem 60-minütigen Lerncall zu verbinden. Nicht als Präsentation der Erfolge. Nicht als rhetorisch geglättete Wirkungskommunikation. Sondern als ehrlicher Reflexionsraum:
Was haben wir wirklich gelernt? Wo haben bestehende Förderlogiken Wirkung erleichtert oder blockiert? Welche Bedingungen würden mehr regenerative Wirkung ermöglichen? Was könnten wir gemeinsam anders machen?
Das Ziel ist nicht, das Reporting abzuschaffen. Das Ziel ist, die Beziehung aus einer reinen Nachweislogik in eine Lernlogik zu überführen.
Das wäre ein kleines Experiment. Kein großes Transformationsprogramm. Kein neuer Strategieprozess. Nur ein bewusster Versuch, den Resonanzraum einer Beziehung zu öffnen.
Und vielleicht wäre das erste Signal bereits, dass der Fördermittelgeber nicht nur nach Ergebnissen fragt, sondern nach Bedingungen, unter denen Wirkung besser entstehen kann.
Genau dort beginnt Veränderung.
Regenerative Marktwirtschaft als Beziehungsordnung
Wenn wir die regenerative Marktwirtschaft ernst nehmen, dann sprechen wir nicht nur über neue Geschäftsmodelle, bessere Technologien oder nachhaltigere Produkte. Wir sprechen über eine andere Beziehungsordnung.
Eine Marktwirtschaft ist nie nur ein Preissystem. Sie ist immer auch ein Beziehungssystem. Sie koordiniert Erwartungen, Vertrauen, Risiken, Eigentum, Verantwortung, Innovation und Zukunftsbilder. Wenn diese Beziehungen extraktiv geprägt sind, wird auch der Markt extraktiv. Wenn sie reziprok, lernfähig und lebensdienlich gestaltet werden, kann die Marktwirtschaft regenerativ werden.
Das heißt nicht, dass Märkte ihre Funktion verlieren. Im Gegenteil: Eine regenerative Marktwirtschaft benötigt unternehmerische Energie, dezentrale Initiative, Innovation, Wettbewerb, Investitionen und die Freiheit, neue Lösungen zu erproben. Aber sie benötigt zugleich ein neues Verständnis dafür, worauf diese Energie gerichtet ist.
Nicht auf Wachstum um jeden Preis. Nicht auf die Rendite als isolierte Zielgröße. Nicht auf Effizienz, die ihre eigenen Grundlagen aufzehrt.
Sondern auf Re:Growth: Wachstum jener Kapitalformen, die Leben ermöglichen, Resilienz stärken und Potenziale entfalten.
Der Anfang ist eine Beziehung
Vielleicht beginnt die große Transformation deshalb nicht immer mit der großen Strategie. Vielleicht beginnt sie oft mit einer Beziehung, die wir anders lesen.
Einer Beziehung, in der wir bisher nur eine Zielgruppe gesehen haben. Einer Beziehung, in der wir bisher nur Geld gesehen haben. Einer Beziehung, in der wir bisher nur Berichtspflichten gesehen haben. Einer Beziehung, in der wir bisher nur Aufwand gesehen haben. Einer Beziehung, in der wir bisher nur Ressource gesehen haben.
Und dann stellen wir eine andere Frage.
Was wird hier genährt? Was wird hier verbraucht? Wo geht Energie verloren? Welche Kapitalform bleibt unsichtbar? Welcher Potenzialraum könnte aufgehen, wenn wir diese Beziehung reziproker gestalten?
Diese Fragen sind nicht weich. Sie sind strategisch. Denn sie entscheiden darüber, ob ein Unternehmen seine Grundlagen erschöpft oder erneuert.
Regeneratives Unternehmertum bedeutet deshalb nicht, noch eine zusätzliche Wirkungsebene auf ein bestehendes Geschäftsmodell zu legen. Es bedeutet, das Unternehmen selbst als Beziehungsraum zu verstehen: als Ort, an dem finanzielle, materielle, natürliche, soziale, kulturelle, intellektuelle, erfahrungsbezogene und sinnstiftende Kapitalformen miteinander in Bewegung kommen.
Die Aufgabe besteht nicht darin, jede Beziehung sofort tief, harmonisch oder ideal zu machen. Das wäre naiv. Manche Beziehungen bleiben transaktional. Manche müssen zunächst stabilisiert werden. Manche extraktiven Muster müssen überhaupt erst sichtbar werden.
Aber regenerative Unternehmer:innen beginnen, anders zu fragen.
Nicht nur:
Was kann ich aus dieser Beziehung herausholen?
Nicht nur:
Was tauschen wir fair aus?
Nicht nur:
Wie vermeiden wir Schaden?
Sondern:
Was benötigt diese Beziehung, damit sie lebendig wird – und was brauche ich aus ihr, damit mein Beitrag tragfähig bleibt?
In dieser Frage liegt eine neue ökonomische Kultur.
Eine Kultur, die Beziehung nicht als weichen Rand der Wirtschaft versteht, sondern als ihre eigentliche Infrastruktur. Eine Kultur, die Stakeholder nicht verwaltet, sondern Resonanzräume gestaltet. Eine Kultur, die Kapital nicht nur akkumuliert, sondern kompostiert: zurückführt in lebendige Formen, aus denen neue Zukunftsfähigkeit wachsen kann.
Vielleicht ist genau das der Übergang, um den es geht.
Von Wertabschöpfung zu Potenzialentfaltung. Von Stakeholder-Management zu Resonanzräumen. Von Wachstum als Zielgröße zu Vitalität als Orientierung. Von extraktiver Beziehung zu regenerativer Reziprozität.
Und damit zu einer Wirtschaft, die nicht nur funktioniert, sondern wieder mit dem Leben verbunden ist.
Über die Autoren
Sebastian Fittko
Sebastian Fittko ist Initiator, Mitgründer und Erster Vorstand der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. (IRM), Gründer von regeneration PARTNERS sowie Zweiter Vorstand des Bundesverbandes Impact Investing e.V.
Mit regeneration PARTNERS begleitet er Unternehmerfamilien, Vermögensinhaber:innen und Organisationen dabei, den „blinden Fleck“ der klassischen Ökonomie zu überwinden und Kapital als strategisches Gestaltungsmittel für eine lebensdienliche Zukunft zu begreifen. Sein Ziel ist die Transformation einer Wirtschaft, die sich derzeit in einer systemischen Erschöpfung – einer „Wohlstandsnarkose“ – befindet, hin zu einem Modell des Re:Growth.
Im Zentrum seiner Arbeit steht die Praxis der „Kapital-Kompostierung“: die Überführung von abstraktem Finanzkapital in lebendige Kapitalformen, die ökologische Integrität, soziale Widerstandsfähigkeit und kulturelle Kontinuität nähren. Sebastian setzt sich für einen ganzheitlichen Wertschöpfungsbegriff ein, der weit über den kurzfristigen ROI hinausgeht und stattdessen die kollektive Potenzialentfaltung von Menschen und Ökosystemen in den Mittelpunkt stellt.
Sebastian studierte Wirtschaftswissenschaften (M.A.) an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und ist Gastdozent an der ESCP Business School in Berlin. Er versteht Philanthropie, Impact Investing und regeneratives Unternehmertum als komplementäre Werkzeuge, um Kapital wieder in Resonanz mit dem Lebendigen zu führen.
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Die Transformation hin zu einer regenerativen Wirtschaft braucht mutige Ideen, engagierte Menschen – und eine Gemeinschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Die Initiative Regenerative Marktwirtschaft (IRM) setzt sich für genau das ein: Wir entwickeln Konzepte, schaffen Räume für Dialog und bringen Impulse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Damit das gelingt, brauchen wir dich.
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Herzlichst,
Der Vorstand der IRM
Gregor Erkel, Sebastian Fittko und Thomas Schindler









