Vermögen, das auf einem Hektar wächst
Was wir von einer solidarischen Landwirtschaft über Vermögensentfaltung, die Qualität des Geldes und regenerative Kapitalallokation lernen können
Dieser Essay ist im Nachgang unseres dritten Regenerativen Salons des IRM-Chapters Münster entstanden. Unsere lokalen Chapter verstehen wir als Resonanz- und Handlungsräume, in denen unternehmerische Menschen aus Familienunternehmen, Mittelstand, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an konkreten Orten zusammenkommen, voneinander lernen und gemeinsam erkunden, wie regenerative Wirtschaft bereits heute praktisch entstehen kann. Dieses Mal waren wir zu Gast bei der solidarischen Landwirtschaft Crowdsalat auf dem Welterhof bei Dülmen. Aus der Begegnung mit diesem lebendigen Ort entstand eine Frage, die weit über die Landwirtschaft hinausweist: Was wächst eigentlich wirklich, wenn wir wirtschaften?
Auch in unserem nächsten IRM-Resonanzraum am 28. Juli 2026 um 16:30 Uhr werden wir diese Spur weiterverfolgen. Gemeinsam mit Anna Yona, Gründerin von Wildling Shoes, sprechen wir über ihre elfjährige unternehmerische Reise und die Frage, was es bedeutet, ein Unternehmen nicht nur effizient zu führen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen, Organisation und Mitwelt sich entfalten können (➔ hier geht es zur Anmeldung). Genau solche konkreten Erfahrungen sind für uns Ausgangspunkte, um eine Regenerative Marktwirtschaft nicht abstrakt zu entwerfen, sondern handelnd entstehen zu lassen. Mehr dazu in unserem Essay „Vom Vollzug zur Entfaltung“.
Nicht finanzielles Kapital wächst. Leben wächst.
Wir glauben, Vermögen entstehe dort, wo finanzielles Kapital wächst. Vielleicht beginnt unser Missverständnis bereits an dieser Stelle. Denn finanzielles Kapital wächst nicht von selbst. Wachsen können Böden, Wälder, Menschen, Beziehungen, Fähigkeiten, Unternehmen, Gemeinschaften und Kulturen. Lebendige Systeme können sich entfalten, vielfältiger, resilienter und fruchtbarer werden. Sie können aber ebenso verarmen, erschöpfen und ihre Regenerationsfähigkeit verlieren.
Finanzielles Kapital nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Es kann Entwicklung ermöglichen, beschleunigen und neue Handlungsspielräume eröffnen. Es kann aber ebenso extrahieren, verengen und andere Vermögensformen verbrauchen, wenn seine eigene Vermehrung zum dominierenden Zweck wird. Nicht Kapital schafft also aus sich heraus Vermögen. Lebendige Systeme schaffen Vermögen. Kapital beeinflusst, welche Formen dieses Vermögens wachsen können und welche Bedingungen wir dafür schaffen.
Dieser Gedanke knüpft unmittelbar an unsere bisherige Arbeit zur Überwindung der Monokultur des Finanzkapitals an. In unserem Essay „Jenseits der Monokultur des Finanzkapitals“ haben wir beschrieben, warum finanzielles und materielles Kapital nicht länger die alleinigen Bezugspunkte wirtschaftlicher Entwicklung sein können und warum die Entfaltung der lebendigen Kapitalformen für einen neuen Wohlstandsbegriff zentral ist.
Auf dem Welterhof bei Dülmen wird diese zunächst abstrakte Unterscheidung erstaunlich konkret. Sophie und Sebastian Löbbering haben dort, gemeinsam mit vielen Mitgestalter:innen, innerhalb von fünf Jahren aus einem ehemaligen Pferdehof einen lebendigen Ort entwickelt, an dem heute auf weniger als einem Hektar rund 85 Familien mit Gemüse und Obst versorgt werden. Doch schon während unseres Farmwalks wurde deutlich, dass die Menge des erzeugten Gemüses und Obstes nur einen Teil dessen wiedergibt, was auf diesem Hektar tatsächlich entsteht.
Hier wachsen fruchtbare Böden und ökologische Vielfalt, Wissen über Anbau und Lebensmittel, Vertrauen zwischen Menschen und eine regionale Gemeinschaft. Kinder laufen durch die Beete, erkunden den Hof und entwickeln eine Beziehung zum Ort, an dem ihre Nahrung entsteht. Menschen begegnen einander, teilen offen Probleme und Ideen aus ihrem Leben und bringen sich mit eigenen Initiativen und Projekten in die weitere Entwicklung des Hofes ein. Jeden Freitag, wenn die Familien ihre Ernte abholen, wird der Hof zu einem lebendigen Treffpunkt. Es findet nicht einfach eine Warenübergabe statt, sondern ein wiederkehrender Moment der Beziehung zwischen Menschen, dem Hofteam, dem Garten und der Natur.
Niemand kommt dabei mit dem Anspruch, exakt ein Kilogramm Tomaten, zwei Gurken und drei Salate für seinen geleisteten Beitrag zu erhalten. Wertschätzend wird abgeholt, was der Hektar, die Jahreszeit und das Ökosystem in diesem Moment für alle hervorgebracht haben: einmal mehr, einmal weniger. Die Ernte ist nicht das Ergebnis einer garantierten individuellen Gegenleistung, sondern Ausdruck eines gemeinsam getragenen lebendigen Prozesses.
Diese Beobachtung führt zu einer für uns zentralen Frage: Wenn auf diesem Hektar nicht nur Gemüse, sondern zugleich natürliches, soziales, intellektuelles, kulturelles und erfahrungsbezogenes Vermögen wächst, warum betrachten wir dann weiterhin fast ausschließlich seinen Ertrag in Kilogramm, Tonnen oder Euro?
Vielleicht benötigen wir neben dem klassischen Hektarertrag eine zweite Perspektive: den Vermögensertrag pro Hektar.
Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, Vertrauen, Bodenfruchtbarkeit, Beziehungen oder die Freude spielender Kinder in eine weitere monetäre Kennzahl zu pressen. Im Gegenteil. Die Idee des Vermögensertrags soll gerade sichtbar machen, was verloren geht, wenn wir wirtschaftliche Wertschöpfung auf finanzielle Messgrößen reduzieren. Sie stellt die Frage, welche Vermögensformen durch einen wirtschaftlichen Prozess erhalten, verbraucht oder neu aufgebaut werden. Wird der Boden fruchtbarer oder ärmer? Werden Menschen handlungsfähiger oder abhängiger? Entstehen Wissen, Vertrauen und Beziehungen, oder werden sie für einen kurzfristigen Ertrag aufgezehrt?
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur, was ein Hektar produziert, sondern was durch seine Bewirtschaftung wächst. Diese Perspektive steht in enger Verbindung zu unserem Verständnis von New Wohlstand und den acht Kapitalformen, das wir unter anderem in „Gestalte Deinen Wohlstand neu!“ ausführlicher beschrieben haben.
Das solidarische Prinzip verändert die Beziehung zum Geld
Besonders interessant wird die solidarische Landwirtschaft, wenn wir betrachten, wie die wirtschaftliche Beziehung zwischen den 85 Familien und dem Hof organisiert ist. Auf den ersten Blick scheint sie ein einfaches Beispiel für Kaufgeld zu sein: Die Familien leisten einen finanziellen Beitrag und erhalten dafür Gemüse. Doch diese Beschreibung übersieht das Wesentliche.
Im klassischen Einkauf bezahlen wir für ein fertiges Produkt. Wir vergleichen Angebote, treffen eine Kaufentscheidung und schließen die wirtschaftliche Beziehung durch die Bezahlung weitgehend ab. Das Produktionsrisiko bleibt außerhalb dieser Transaktion. Ob eine Landwirtin mit Dürre, Starkregen, gestiegenen Kosten oder schwankenden Marktpreisen kämpfen muss, verändert zunächst nicht unseren Anspruch, zum gewünschten Zeitpunkt ein bestimmtes Produkt zu einem akzeptablen Preis zu erhalten. Ein großer Teil der Volatilität lebendiger Produktionsprozesse wird den Konsument:innen ferngehalten und anderen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette zugerechnet.
In der solidarischen Landwirtschaft geschieht etwas grundsätzlich anderes. Die Familien kaufen nicht primär eine bestimmte Menge Gemüse. Gemeinsam finanzieren sie den landwirtschaftlichen Prozess für ein Jahr. Sie ermöglichen Saatgut, Arbeit, Werkzeuge, Pflege und den laufenden Betrieb des Hofes, einschließlich der Gehälter für das Hofteam, und akzeptieren zugleich, dass ein lebendiges System nicht vollständig plan- und standardisierbar ist. Ist die Ernte besonders gut, haben alle mehr davon. Fällt sie geringer aus, tragen alle gemeinsam die Folgen. Hier zählt nicht der Output, sondern das gesamte System.
Die Unsicherheit wird nicht beseitigt, sondern auf viele Schultern verteilt.
Damit verändert sich die Beziehungsqualität des Geldes. Das Kaufgeld beendet nicht die Beziehung, sondern begründet sie. Aus einer punktuellen Transaktion entsteht ein längerfristiger Verantwortungsraum, in dem Produzent:innen und Konsument:innen nicht mehr ausschließlich einander gegenüberstehen, sondern gemeinsam Risiken und Entwicklung tragen. Sie treten in eine lebendige Beziehung.
Genau hier wird die SoLaWi ökonomisch besonders interessant. Denn die Verteilung der Volatilität verändert die Anreize des Systems. Wo nicht bei jeder Ernte allein die kurzfristige Marktverwertbarkeit über Erfolg und Misserfolg entscheidet, entsteht ein größerer Spielraum, um den Boden aufzubauen, Vielfalt zu entwickeln, Neues auszuprobieren und langfristige Beziehungen zu pflegen. Die wirtschaftliche Sicherheit entsteht nicht ausschließlich durch Kontrolle, Standardisierung und die Verlagerung von Risiken, sondern auch durch Verbindlichkeit, Reziprozität und gemeinschaftlich getragene Verantwortung.
Sebastian beschrieb den Hof uns gegenüber als einen fortlaufenden Prozess des Handelns, Ausprobierens und Lernens. Nicht alles funktioniert. Manches muss verworfen, anderes angepasst und wieder anderes vollkommen neu gedacht werden. Doch genau darin besteht die Entwicklung des Hofes: nicht im Vollzug eines perfekten Masterplans, sondern in der kontinuierlichen Fähigkeit, wahrzunehmen, zu handeln und aus den Reaktionen des lebendigen Systems zu lernen.
Diese Haltung verbindet den Hof unmittelbar mit einem Gedanken, den wir zuletzt unter dem Begriff Handeln statt Vollzug weiterentwickelt haben. In „Vom Vollzug zur Entfaltung“ beschreiben wir, warum lebendige Systeme nicht durch immer perfektere Vorgaben und Kontrollmechanismen entstehen, sondern durch Handlungsfähigkeit, Verantwortung, Lernen und Resonanz mit der jeweiligen Situation.
Auch Sophie machte deutlich, dass Regeneration nicht mit einer romantischen Vorstellung von Natur verwechselt werden darf. Der Hof entwickelt Schritt für Schritt eine größere Vielfalt, inzwischen kommen beispielsweise Walnüsse hinzu. Gleichzeitig gibt es reale Zusammenhänge, die nicht durch Wunschdenken verschwinden. Wer Eier haben möchte, muss sich auch mit der Frage auseinandersetzen, was mit Hühnern geschieht, wenn sie keine Eier mehr legen. Wer A sagt (ich möchte Eier haben), muss auch B sagen (ich möchte Hühner essen). Eine lebendige Wirtschaft blendet ihre Konsequenzen nicht aus, sondern macht sie sichtbar und gemeinsam verhandelbar.
Vielleicht liegt gerade darin eine wesentliche Qualität dieser Wirtschaftsform: Die Beziehung zwischen dem eigenen Konsum und seinen Voraussetzungen wird nicht durch lange Lieferketten unsichtbar gemacht. Sie bleibt erfahrbar.
Wenn Kaufgeld Elemente des Schenkgeldes annimmt
Bei unserem Besuch drängte sich mir immer wieder ein Begriff auf: Reziprozität – ein wechselseitiges Geben und Nehmen, bei dem Beziehung nicht erst dann als erfüllt gilt, wenn jede Gabe unmittelbar und exakt erwidert wurde. In vielem, was ich auf dem Hof beobachtete, schien mir genau diese Logik wirksam zu sein. Die Familien geben Geld und erhalten Lebensmittel. Das Hofteam gibt Arbeit, Wissen und Aufmerksamkeit und erhält finanzielle Sicherheit sowie eine Gemeinschaft, die sich an der Entwicklung des Ortes beteiligt. Der Boden bringt Nahrung hervor und wird zugleich gepflegt, aufgebaut und in seiner Fruchtbarkeit gestärkt. Kinder bekommen einen Erfahrungsraum und bringen gleichzeitig Leben und eine andere Form von Beziehung auf den Hof.
Es finden also durchaus Transaktionen statt. Aber die Reziprozität wird nicht auf eine unmittelbare Äquivalenz reduziert. Es geht nicht um die exakte Frage, wie viele Kilogramm Gemüse für wie viele Euro erworben wurden. Gegeben und genommen wird in unterschiedlichen Formen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und innerhalb einer längerfristigen Beziehung.
Dadurch erhält das Kaufgeld der solidarischen Landwirtschaft aus meiner Sicht eine besondere Qualität. Es bleibt Kaufgeld, weil eine reale wirtschaftliche Leistung finanziert und eine Versorgung ermöglicht wird. Zugleich nimmt es Elemente des Schenkgeldes auf, weil ein Teil des eigenen Beitrags nicht unmittelbar einer individuell zurechenbaren Gegenleistung gegenübersteht. Wer in einem guten Erntejahr mehr bekommt, erhält möglicherweise mehr, als sein individueller Beitrag im engen transaktionalen Sinne rechtfertigen würde. Wer in einem schlechten Jahr weniger bekommt, fordert nicht automatisch Geld zurück. Jede und jeder trägt dazu bei, dass das Ganze bestehen und sich entwickeln kann.
Das Kaufgeld wird dadurch zu einem Hybrid aus Kauf- und Schenkgeld. Es bleibt in einer reziproken Beziehung, aber diese Reziprozität ist nicht auf den Moment der Transaktion verengt. Sie entfaltet sich über Zeit, innerhalb einer Gemeinschaft und in Beziehung zu einem lebendigen System, dessen Erträge naturgemäß schwanken.
Diese Form der solidarischen Risikoteilung eignet sich sicherlich nicht für jede wirtschaftliche Beziehung. Es wäre weder sinnvoll noch praktikabel, sämtliche Märkte nach dem Prinzip einer SoLaWi zu organisieren. Dort jedoch, wo es tatsächlich um unsere Mittel zum Leben geht – Nahrung, Wohnen, Gesundheit, Pflege oder grundlegende Energieversorgung –, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn gerade in diesen Bereichen kann die permanente Übertragung von Unsicherheit auf die jeweils schwächsten Akteure dazu führen, dass Systeme kurzfristig effizient erscheinen, sich langfristig jedoch ihre eigenen Voraussetzungen aufzehren.
Die SoLaWi zeigt eine Alternative: Nicht jedes Risiko muss eliminiert, versichert oder weitergereicht werden. Manche Risiken lassen sich gemeinsam tragen. Und gerade dieses gemeinsame Tragen kann den Raum schaffen, in dem langfristige Entfaltung wieder möglich wird.
Die Geldqualitäten als Entwicklungsfunktionen lebendiger Systeme
Aus dieser Beobachtung ergibt sich für uns eine weiterführende Perspektive auf Kaufgeld, Leihgeld und Schenkgeld. Vielleicht sollten wir diese unterschiedlichen Geldqualitäten weniger als moralische Kategorien und stärker als Entwicklungsfunktionen lebendiger Systeme verstehen.
Kaufgeld ist dann nicht weniger wertvoll als Schenkgeld, und ein Darlehen ist nicht automatisch regenerativer oder weniger regenerativ als eine Spende. Entscheidend ist, welche Funktion Geld in einem konkreten System erfüllt, welche Beziehung sich daraus ergibt und ob diese Form der Finanzierung zur jeweiligen Entwicklungsphase passt.
Kaufgeld erhält den Stoffwechsel eines Systems. Jeder lebendige Organismus benötigt kontinuierliche Ressourcenflüsse, um bestehen zu können. Auf dem Hof sind das Saatgut, Arbeitszeit, Wasser, Werkzeuge, Energie, Pflege und Reparaturen. Die Beiträge der 85 Familien ermöglichen diesen fortlaufenden Stoffwechsel. Sie sorgen dafür, dass jeden Tag gesät, gepflegt, geerntet und weiterentwickelt werden kann.
Doch kein lebendiges System kann sich ausschließlich durch den Erhalt seines gegenwärtigen Stoffwechsels entwickeln. Vielleicht braucht der Hof künftig ein weiteres Gewächshaus, ein besseres Bewässerungssystem, zusätzliche Flächen, einen Kühlraum oder neue Möglichkeiten zur Verarbeitung. Dann kommt eine andere Geldqualität ins Spiel.
Leihgeld erweitert die Entwicklungsfähigkeit eines Systems. Es stellt heute Ressourcen zur Verfügung, damit morgen neue Handlungsmöglichkeiten entstehen können. In diesem Sinne ist Leihgeld zunächst ein Ausdruck von Zukunftsvertrauen. Entscheidend ist allerdings, wie dieses Zukunftsvertrauen institutionell gestaltet wird. Ein Darlehen mit hohem kurzfristigem Renditedruck und starren Rückzahlungspflichten kann genau jene Entwicklungsfähigkeit wieder verengen, die es eigentlich ermöglichen sollte. Lange Laufzeiten, moderate Verzinsung, tilgungsfreie Entwicklungsphasen oder an die reale Leistungsfähigkeit angepasste Rückzahlungen könnten dagegen die Volatilität eines lebendigen Systems berücksichtigen.
Die entscheidende Frage eines regenerativen Investors wäre deshalb nicht allein, welche maximale Rendite sich aus einem Hof herausholen lässt. Sie würde lauten: Welche Investition erhöht die langfristige Lebensfähigkeit dieses Systems, und wie müssen Kapital, Rendite und Rückzahlung gestaltet sein, damit die Finanzierung selbst Teil dieser Entwicklung bleibt?
Daneben gibt es Entwicklungen, die sich weder aus dem laufenden Kaufgeld noch aus einer klassischen Investition sinnvoll finanzieren lassen. Bildungsangebote für Kinder, die Erprobung neuer Anbaumethoden, offene Lernräume, kulturelle Veranstaltungen oder Experimente, deren Ausgang noch nicht bekannt ist, verfügen häufig über keinen unmittelbaren Business Case. Trotzdem können gerade sie jene neuen Fähigkeiten, Beziehungen und Erkenntnisse hervorbringen, aus denen zukünftige Entwicklung entsteht.
Schenkgeld ermöglicht Evolution dort, wo sich die Zukunft noch nicht refinanzieren kann. Es schafft freie Entwicklungsräume, ohne das Ergebnis bereits vollständig festzulegen. Wie Kompost dem Boden jene Fruchtbarkeit zuführt, aus der später Neues wachsen kann, ermöglicht Schenkgeld Suchbewegungen und Erfahrungen, deren Wert oft erst mit zeitlichem Abstand sichtbar wird.
Aus dieser Perspektive entsteht eine einfache, aber weitreichende Funktionslehre des Geldes: Kaufgeld erhält den Stoffwechsel eines Systems. Leihgeld erweitert seine Entwicklungsfähigkeit. Schenkgeld ermöglicht Evolution dort, wo die Zukunft noch keinen unmittelbaren Preis und keinen sicheren Business Case hat.
Die drei Geldqualitäten stehen damit nicht in einer moralischen Rangordnung. Ein lebendiges System braucht alle drei, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten, für unterschiedliche Aufgaben und in einer jeweils passenden Beziehungsqualität.
Von der Geldanlage zur regenerativen Kapitalallokation
Diese Unterscheidung verändert unseren Blick auf die Kapitalallokation. Regenerative Kapitalallokation bedeutet dann nicht einfach, mehr Geld in ökologisch oder sozial positiv bewertete Projekte zu investieren. Sie beginnt früher und stellt eine grundlegendere Frage: Welche Entwicklungsfunktion braucht dieses lebendige System im gegenwärtigen Moment überhaupt?
Braucht es einen verlässlichen Stoffwechsel? Dann ist die entscheidende Aufgabe, Kaufgeld und wiederkehrende Einnahmen so zu organisieren, dass Stabilität entsteht. Braucht es neue Entwicklungsfähigkeit? Dann können Leih- oder Investitionsgelder die richtigen Möglichkeiten eröffnen. Befindet sich das System in einer Suchbewegung, deren Ergebnis noch nicht planbar oder marktfähig ist? Dann kann Schenkgeld genau jene Freiheit ermöglichen, ohne die wirkliche Innovation und Evolution kaum entstehen.
Die Aufgabe besteht nicht darin, jede Form von Finanzierung in ein Investmentprodukt zu verwandeln. Sie besteht darin, die Entwicklungslogik eines Systems zu verstehen und die Qualität des Geldes darauf abzustimmen.
Genau hier verbindet sich die Erfahrung von Crowdsalat mit unserem Verständnis von Vermögensentfaltung. Vermögen ist für uns nicht lediglich die Summe finanzieller Mittel, die geschützt und möglichst effizient vermehrt werden soll. Vermögen beschreibt die Fähigkeit von Menschen, Familien, Unternehmen und Regionen, Zukunft gestalten zu können. Dazu gehört finanzielles Kapital, aber ebenso die Vielfalt der anderen Kapitalformen, die wir in unserer bisherigen IRM-Arbeit beschrieben haben: natürliches, soziales, materielles, intellektuelles, erfahrungsbezogenes, kulturelles und spirituelles Kapital.
Diese Perspektive auf Wohlstand und Vermögen haben wir unter anderem in „Gestalte Deinen Wohlstand neu!“, in „Jenseits der Monokultur des Finanzkapitals“ und zuletzt in unserer „Vision Deutschland 2036 – Eine regenerative Marktwirtschaft für ein lebendiges Land“ weiterentwickelt.
Das Finanzkapital besitzt in diesem Gefüge eine besondere Kraft, weil es beweglich ist und sich in andere Kapitalformen überführen lässt. Mit Geld können Böden gekauft oder regeneriert, Unternehmen aufgebaut, Menschen ausgebildet, Räume geschaffen und Forschung ermöglicht werden. Zugleich kann finanzielles Kapital andere Vermögensformen verbrauchen, wenn seine eigene Vermehrung zum Selbstzweck wird.
Vermögensentfaltung bedeutet deshalb nicht, finanzielle Rendite gegen ökologische oder soziale Wirkung auszuwogen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie Finanzkapital in eine kohärente Beziehung zu den anderen Kapitalformen tritt und welche Vermögensentwicklung durch seinen Einsatz ermöglicht wird.
Am Beispiel der SoLaWi wird diese Architektur sehr konkret. Das Kaufgeld der 85 Familien erhält den laufenden Stoffwechsel des Hofes und verteilt zugleich einen Teil der natürlichen Volatilität solidarisch auf die Gemeinschaft. Leih- oder Investitionsgeld könnte zusätzliche Entwicklungsräume für Infrastruktur, Flächen oder Verarbeitung schaffen. Schenkgeld könnte jene Bildungs-, Kultur- und Experimentierfelder ermöglichen, die den Hof über die unmittelbare Lebensmittelproduktion hinaus zu einem noch lebendigeren Ort werden lassen.
Keine dieser Geldqualitäten ist der anderen überlegen. Entscheidend ist ihr kohärentes Zusammenspiel.
Wirtschaft als Entfaltung lebendiger Systeme
Vielleicht liegt darin auch eine größere Aufgabe für die Initiative Regenerative Marktwirtschaft. Wir wollen nicht einfach nur einen weiteren Katalog nachhaltiger Maßnahmen ergänzen. Wir versuchen, Perspektiven sichtbar zu machen, die in unserer heutigen Wirtschaft häufig übersehen oder durch die Dominanz einzelner Kennzahlen unsichtbar geworden sind.
Dazu gehört für uns, Wohlstand und Vermögen wieder in jener Vielfalt wahrzunehmen, die sie eigentlich immer besessen haben. Es gehört dazu, Unternehmertum nicht als Problem oder bloße Maschine der Kapitalvermehrung zu betrachten, sondern als handelnde und gestaltende Kraft von Individuen und Gruppen, die die Zukunft hervorbringen können. Und es gehört dazu, einen klaren normativen Horizont zu formulieren, ohne daraus einen Masterplan abzuleiten, der nur noch vollzogen werden müsste.
Unsere Vision Deutschland 2036 ist deshalb kein detaillierter Bauplan für eine Zukunft, die wir bereits kennen könnten. Sie ist eine Orientierung für eine Epoche, die wir erst durch Handeln entstehen lassen müssen. Wir kennen den Horizont einer guten Zukunft besser, als wir manchmal glauben. Wir wissen, dass sie ökologische Lebensgrundlagen regenerieren, menschliche Potenziale entfalten, Freiheit und Gerechtigkeit verbinden und eine pluralistische Gesellschaft handlungsfähiger machen muss. Was wir nicht kennen, ist der eine festgelegte Weg dorthin.
Dieser Weg entsteht erst durch unternehmerisches Handeln, durch Experimente, durch Irrtum und Lernen, durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Menschen und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Genau das konnten wir auf dem Welterhof beobachten. Nicht alles funktioniert. Nicht jede Idee trägt. Nicht jede Entwicklung lässt sich planen. Aber es wird gehandelt, ausprobiert, gelernt und weiterentwickelt.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer transformativen und einer Regenerativen Epoche. Transformation beschreibt zunächst die Veränderung von einem Zustand in einen anderen. Regeneration richtet den Blick zusätzlich darauf, ob durch diese Veränderung neue Lebensfähigkeit und neues Vermögen entstehen. Sie fragt nicht nur, was anders werden muss, sondern was wir wachsen und sich entfalten sehen wollen.
Für diese Perspektive verwenden wir den Begriff Re:Growth: Wachstum nicht als bloßes quantitatives Mehr, sondern als Entfaltung von Lebendigkeit, Potenzialen, Resilienz und Beziehungen. Vertieft haben wir diesen Gedanken unter anderem in „Re:Growth im Fundament: Warum die regenerative Bauwende den Return on Investment neu definiert“ und in „Wirtschaft neu sehen: Den unsichtbaren Wert des Lebens sichtbar machen“.
Die IRM steht deshalb für eine Ode an die handelnd und unternehmerisch gestaltete Zukunft. Nicht als naiven Fortschrittsoptimismus und nicht als Absage an Regeln, Institutionen oder an gesellschaftliche Verantwortung. Sondern aus der Überzeugung, dass Zukunft nicht durch Vollzug entsteht. Sie wird von Menschen hervorgebracht, die in Situationen Verantwortung übernehmen, mit anderen in Beziehung treten und innerhalb eines klaren normativen Horizonts neue Möglichkeiten eröffnen.
Die solidarische Landwirtschaft „Crowdsalat“ ist kein universelles Modell für die gesamte Wirtschaft. Sie muss es auch nicht sein. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie auf weniger als einem Hektar sichtbar macht, was leicht übersehen wird: Wirtschaft kann mehr hervorbringen als nur Produkte und finanziellen Ertrag. Kaufgeld kann mehr als nur eine abgeschlossene Transaktion begründen. Risiko kann geteilt werden, ohne Verantwortung aufzulösen. Finanzielle Sicherheit kann Freiräume für Lernen und Entfaltung schaffen. Und ein wirtschaftlicher Ort kann gleichzeitig natürliche, soziale, kulturelle und menschliche Vermögen aufbauen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, wie viel Kapital pro Hektar erwirtschaftet werden kann.
Und häufiger, welches Vermögen dort wächst.
Denn nicht Kapital schafft Vermögen. Lebendige Systeme schaffen Vermögen. Unsere Aufgabe ist es, das Kapital, unsere Eigentumsstrukturen und unsere wirtschaftlichen Beziehungen so zu gestalten, dass sie dieser Entfaltung dienen.
Manchmal beginnt eine solche Erkenntnis auf weniger als einem Hektar.
Über den Autor
Sebastian Fittko ist Initiator und Erster Vorsitzender der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. (IRM), Gründer von regeneration.PARTNERS sowie Zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes Impact Investing e.V. (BVII). Mit regeneration.PARTNERS begleitet er Unternehmerfamilien, Familienunternehmen und Vermögensinhaber an der Schnittstelle von regenerativer Ökonomie, Impact Investing, Family Governance und strategischer Vermögensentwicklung. Ein besonderer Fokus seiner Arbeit liegt auf der Weiterentwicklung klassischer Family-Office-Logiken hin zu einem Regenerativen Family Office: weg von reiner Vermögensverwaltung, hin zu Vermögensentfaltung.
Im Zentrum steht dabei die Frage, was Kapital – finanziell, natürlich, sozial, kulturell, intellektuell und unternehmerisch – wachsen lässt. Sebastian arbeitet mit Familien und Vermögensinhabern daran, Kapital nicht nur entlang von Risiko und Rendite zu steuern, sondern als Gestaltungsmedium für Zukunftsfähigkeit, Resilienz und lebendige Entwicklung zu verstehen. Seine Arbeit verbindet generationenübergreifenden Vermögenserhalt, unternehmerische Transformation, regenerative Asset Allocation und die Frage, wie Vermögen wieder in Beziehung zu Familie, Unternehmen, Mitwelt und gesellschaftlicher Verantwortung treten kann.
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Regenerative Marktwirtschaft entsteht nicht abstrakt. Sie wächst dort, wo Menschen Räume öffnen, Beziehungen knüpfen und ins Handeln kommen.
Ihr habt Interesse und wollt über die Möglichkeiten sprechen, dann schreibt Sebastian.






