Die logische Anlagestrategie für eine volatile Welt: Warum Zukunft nur regenerativ investiert werden kann
Jenseits von ESG und Impact: Potenzialentfaltung als ökonomische Notwendigkeit für langfristige Rendite und Resilienz
Mit dem IRM Resonanzraum haben wir als Initiative Regenerative Marktwirtschaft ein monatliches Begegnungsformat geschaffen, das bewusst mit der klassischen, frontalen Webinar-Logik bricht. Es ist ein digitaler Ort für echten Beziehungsaufbau, kollektives Lernen und tiefgehenden Austausch auf Augenhöhe. Nachdem wir uns im ersten Resonanzraum am konkreten Beispiel des ökologischen Bauens und der regionalen Wertschöpfung orientiert und im zweiten Raum den systemischen blinden Fleck der Ökonomie beleuchtet haben, stand unser dritter Abend ganz im Zeichen des Kapitals. Gemeinsam mit unserem Impulsgeber und Gast André Stürmer – Gründer von Atreyu Investments und Co-Gründer der Regenerative Investing Academy (ria) – haben wir die Perspektive auf das Finanzsystem umgekehrt: Wenn wir in Investmenthorizonten von über zehn Jahren denken, ist ein regenerativer Ansatz in einer hochgradig volatilen Welt schlicht die logischere und risikoärmere Investitionsstrategie.
Autoren Sebastian Fittko und André Stürmer
Wirtschaft beginnt in Beziehung – regeneratives Investieren entfaltet Potenziale
Wirtschaft ist im Kern kein abstraktes, lebloses Regelsystem aus reinen Finanzzahlen, sondern Beziehungsarbeit. Sie ist das dichte Geflecht aus den Interaktionen zwischen uns Menschen und den lebendigen Systemen der Erde. Das traditionelle Finanzwesen blendet diese Beziehungen aus, isoliert Kapital von seiner systemischen Entfaltung und reduziert lebendige Organismen auf rein bilanzorientierte Posten. Regeneratives Investieren bricht mit dieser Isolation. Ein Unternehmen ist kein geschlossener, isolierter Kasten, sondern ein offener Knotenpunkt in einem größeren Ganzen.

Ein echtes regeneratives Unternehmen versteht sich als lebendiges Ganzes, das in ständiger Wechselwirkung mit seinem Umfeld agiert. Es bringt vielfältige Akteure in einem kreativen Prozess zusammen, um neuen Wert für das gesamte Ökosystem zu schaffen. Daraus folgt eine unumstößliche Konsequenz: Ein Unternehmen kann nicht gesund sein, wenn seine Akteure – einschließlich der Natur (Earth) und der Gemeinschaft (Community) – nicht gesund sind. Finanzielle Gesundheit ist kein isoliertes Ergebnis, sondern das Resultat gelingender Beziehungen.
Hier schließt sich der Kreis zu unserem Multi-Capital-Framework (MCF). Wie wir bereits in unserem Essay „Jenseits der Monokultur des Finanzkapitals“ haben wir dargelegt, dass Wertschöpfung nicht länger einseitig auf Kosten anderer vitaler Ressourcen erfolgen darf. Wenn wir im Wirtschaftsleben auch nur eine einzige der acht Kernkapitalformen – ob Natur-, Sozial-, Erfahrungs-, Wissens-, Kultur-, spirituelles oder materielles Kapital – permanent extrahieren wir, degenerieren wir und gefährden unweigerlich die Stabilität des Gesamtsystems.
Finanzkapital kann langfristig nicht in einem Umfeld kollabierender sozialer oder ökologischer Grundlagen überleben. Das Vermeiden dieser systemischen Degeneration ist kein ethischer Luxus, sondern knallhartes, risikoorientiertes Risikomanagement für jeden Investor, der vorausschauend agiert.
Vom Fokus auf Probleme zur Entfaltung von Potenzial
Der wohl tiefste Paradigmenwechsel betrifft die Unterscheidung zwischen Problemlösung und Potenzialarbeit. Unser aktuelles Wirtschaften ist nahezu obsessiv problemorientiert. Auch beim herkömmlichen ESG-Ansatz oder beim Impact Investing fragen wir meist: Welches Problem können wir beheben? Welchen Schaden minimieren? Wer jedoch seine gesamte Energie auf das Bekämpfen von Mängeln ausrichtet, verengt den Raum und bleibt in derselben Logik, die den Schaden erst herbeigeführt hat. Regeneratives Handeln stellt eine andere Frage: Was ist das innewohnende, einzigartige Potenzial dieses Systems, das sich entfalten möchte – und wie kann ich zur Verwirklichung dieses Potenzials beitragen?

Ein gesundes Wald-Nahrungsnetz (Forest Food Web) repariert sich nicht durch mechanische Eingriffe von außen. Es regeneriert sich aus seiner eigenen Lebendigkeit heraus, weil jeder Akteur durch seine Existenz in das Gesamtsystem investiert. Aus dieser Erkenntnis heraus müssen wir die Rolle von Investorinnen und Investoren neu definieren. Eine regenerative Investition ist nicht länger das, was eine externe Partei einbringt, um eine Veränderung zu erzwingen oder Erträge abzuschöpfen.
Aus regenerativer Perspektive wird die Investition als das verstanden, was ein System selbst herbeiruft, um seine eigene Weiterentwicklung zu ermöglichen. Der Investor wird hierbei vom extrahierenden Akteur zu einem Organ des Systems selbst. Er hört zu, tritt in Beziehung und stellt die Ressourcen bereit, die der Organismus für den nächsten Evolutionsschritt benötigt.
Praxis-Übung: Der Shift im eigenen Erleben
Um diesen radikalen Perspektivenwechsel von der Problem- zur Potenzialbrille nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern auch spürbar zu machen, haben wir im Resonanzraum eine einfache, aber tiefgreifende Übung durchgeführt. Wir laden dich ein, diese jetzt für dich auszuprobieren:
Schritt 1 (Die Problembrille): Denke an einen Menschen, der dir sehr nahesteht und den du liebst – und der aktuell mit einer echten Herausforderung kämpft. Nimm dir eine Minute Zeit und beschreibe diesen Menschen ausschließlich anhand des Problems, mit dem er gerade zu kämpfen hat.
Achte darauf, was das emotional mit dir macht. Die meisten Teilnehmer im Resonanzraum spürten hier sofort eine Enge, Schwere, ein Gefühl von Mitleid und eine Fokussierung auf Defizite.
Schritt 2 (Die Potenzialbrille): Blicke nun auf dieselbe Person und dieselbe Herausforderung – aber beschreibe diesen Menschen jetzt ausschließlich durch sein inhärentes Potenzial, seine Stärken und das, wozu er fähig ist.
Hier verändert sich die Energie im Raum schlagartig. Es entstehen Weite, Dynamik und Entfaltungsraum. Das Problem wird plötzlich klein, weil der Mensch dahinter in seiner ganzen Größe und Fähigkeit sichtbar wird.
Genau dieser Shift ist es, den wir vollziehen müssen, wenn wir auf Unternehmen, Landschaften und Investitionen blicken.
Regenerative Investition in der Praxis: Drei Fallbeispiele
Wie sieht dieses Denken aus, wenn es auf reale Unternehmen und Märkte trifft? Die Arbeit von Atreyu Global und der Regenerative Investing Academy (ria) zeigt, dass dies eine ökonomisch tragfähige Praxis ist:
1. Jackfruit Finance (Kenia)
Traditionelle Geldgeber betrachten Schulen im ländlichen Raum Kenias oft nur als Kreditrisiko und vergeben Gelder zu Wucherzinsen, um dieses Risiko zu minimieren. Jackfruit Finance wählt den umgekehrten Weg. Eine Schule ist der lebendige Mittelpunkt einer Gemeinschaft; blickt man auf ihr Potenzial, geht es um die Ausbildung der nächsten Generation und um die Vitalität des gesamten Ortes. Indem man die Schule systemisch stärkt – etwa durch die Finanzierung eines neuen Klassenraums oder eines Schulbusses zu fairen Konditionen –, investiert man gezielt in das Sozial- und Erfahrungskapital der Gemeinschaft. Wenn Eltern sehen, dass die Schule floriert, unterstützt das System bei Engpässen von innen heraus.
2. Too Much Wifi (Südafrika)
In den südafrikanischen Townships ist stabiler Internetzugang oft unbezahlbar. Klassische Telekommunikationsanbieter stellen von außen Masten auf, verkaufen teure Vouchers und ziehen die Gewinne ab. Too Much Wifi hingegen stellt Menschen direkt aus den Communities ein und bildet sie aus. Sie vermitteln das Internet an ihre Nachbarn. Das entfaltet das Erfahrungskapital und das Kulturkapital vor Ort: die Menschen gewinnen an Selbstwert, werden als kompetente Akteure in ihrer Gemeinschaft anerkannt und das System wird hochgradig resilient gegenüber Preisschocks, weil es auf tiefem, lokalen Vertrauen basiert.
3. Ooooby / „Decent“ (Europa)
Pete, der Gründer der Software-Plattform Ooooby, die Farmern beim Direktvertrieb hilft, spürte, dass sein Unternehmen an seine Grenzen stieß. Im Dialog mit der ria blockierte ihn anfangs die Angst, seine Investoren zu enttäuschen, wenn er vom vorgegebenen Businessplan abweicht. Erst als er den Fokus auf das Potenzial des Ganzen (des Lebensmittelsystems in Europa) legte, gründete er die übergeordnete Struktur Decent. Diese nimmt den einzelnen regionalen Ooooby-äquivalenten Software-Plattformen in ganz Europa die administrative und technologische Last ab. Sie nimmt den Betrieben die Last ab, technologische Infrastruktur zu entwickeln und administrative Routinen zu bedienen. So gewinnen sie Zeit und Aufmerksamkeit für das, worum es eigentlich geht: Farmer darin zu stärken, tragfähige Beziehungen zu ihren Konsumentinnen und Konsumenten aufzubauen – Sozialkapital im besten Sinn. Und Gemeinschaften dabei zu helfen, wieder zu verstehen, warum ein lokales, saisonales Lebensmittelsystem mehr ist als Versorgung: Es ist ein wechselseitiges Versprechen. Wer regional isst, unterstützt nicht nur die Landwirtschaft. Er hält ein Stück Beziehungskultur am Leben.
Somit entstehen viel tiefere und gesündere Beziehungen zwischen den diversen Akteuren und die Plattformen sind viel mehr als nur “Lieferanten/Kunden”-Beziehungen.
Die Diskussion: Nach dem Potenzial „bohren“
In der anschließenden intensiven Resonanzrunde im Kreis der Teilnehmer wurde eine entscheidende Wahrheit deutlich, die den Kern unserer zukünftigen Arbeit markiert. André Baxmann brachte es in der Diskussion prägnant auf den Punkt:
„Wenn wir eine Person oder ein System betrachten, ist die Problembeschreibung meistens in fünf Sekunden da. Aber, um das Potenzial zu sehen, müssen wir tief bohren, suchen und uns Zeit nehmen.“
Genau hier liegt die Herausforderung für uns als Wirtschaftsgestalter und Investoren: Die Alte Welt hat uns darauf trainiert, sofort Mängel zu verwalten und kurzfristige Risiken zu minimieren. Das inhärente Potenzial zu erkennen, erfordert eine andere Form der Aufmerksamkeit und Analyse. Wir müssen lernen, die echten Erfolgsmetriken eines Investments neu zu definieren.

Regenerativer Anlageerfolg bemisst sich nicht an kurzfristigen Exits, sondern an drei robusten Achsen: Vitalität (Lebendigkeit), Viabilität (Handlungsfähigkeit) und Entwicklungsfähigkeit des gesamten Ökosystems. Ein solcher Ansatz reduziert das Ausfallrisiko über lange Zeithorizonte dramatisch, weil das Unternehmen tiefer in stabilen Wertschöpfungsketten verankert ist. Regeneratives Investieren ist somit kein esoterischer Verzicht, sondern schlicht die stabilere, risikoärmere und klügere Anlagestrategie für das kommende Jahrzehnt.
Ausblick: Der nächste Resonanzraum geht auf
Unser gemeinsamer Weg führt uns am Dienstag, 30. Juni um 16:30 Uhr folgerichtig von den Kapitalströmen direkt hinein in das Innere von Organisationen. Gemeinsam mit Susanne Preiss von deep3 erforschen wir im nächsten Resonanzraum das Thema „Regenerative Organisationsentwicklung und Führung“.
Wie sieht eine Führung aus, die lebendige, adaptive und sich selbst erneuerndernde Organisationen hervorbringt? Wir laden dich herzlich ein, den Boden für die Führung von morgen mit uns zu bereiten.
👉 Klicke hier, um dich für den 30. Juni anzumelden!
Die Autoren:
Sebastian Fittko ist Initiator und Erster Vorsitzender der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. (IRM), Gründer der auf Unternhemerfamilien und Vermögensinhaber spezialisierten Strategieberatung regeneration.PARTNERS sowie Zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes Impact Investing e.V. (BVII).
Mit regeneration.PARTNERS berät er Single- und Multi-Family-Offices, Unternehmerfamilien und institutionelle Vermögensinhaber an der Schnittstelle von strategischer Asset Allokation und regenerativer Ökonomie. Sein Fokus liegt darauf, Kapitalstrukturen über das traditionelle Risiko-Rendite-Profil hinaus ganzheitlich resilient aufzustellen. Dabei nutzt er das Multi-Capital-Framework (MCF), um Finanzkapital gezielt in lebendige, risikominimierende Kapitalformen wie Natur-, Sozial- und Wissenskapital zu überführen – ein Ansatz, den er als strategische „Kapital-Kompostierung“ definiert.
In seiner Beratungspraxis verbindet er generationenübergreifenden Vermögenserhalt, Impact Investing und Venture Philanthropy zu komplementären Steuerungswerkzeugen einer systemischen Vermögensstrategie. Ziel ist ein erweiterter Return on Investment, der wirtschaftliche Stabilität mit ökologischer Integrität und familiärer Kontinuität verzahnt. Sebastian hält einen M.A. in Economics der Zeppelin Universität Friedrichshafen und ist Gastdozent für Nachhaltigkeit und Transformation an der ESCP Business School in Berlin.
André ist regenerativer Investor, Pädagoge und Vordenker eines neuen Feldes an der Schnittstelle von Lebendige-Systeme-Denken und Kapitalallokation. Er ist Mitgründer von atreyu, einem regenerativen Investmentunternehmen, dessen Arbeit auf den Prinzipien des regenerativen Designs und des ganzheitlichen Systemdenkens beruht.
atreyu versteht sich nicht als klassischer Kapitalgeber, sondern als Entwicklungspartner für Unternehmerinnen und Unternehmer und ihre Ökosysteme. Ausgangspunkt ist dabei nicht das Problem, das gelöst werden soll, sondern das einzigartige Wesen und Potenzial jedes Unternehmens und des Ökosystems, in dem es wirkt.
Gemeinsam mit seiner Mitgründerin Ebru Kaya hat André außerdem die Regenerative Investing Academy, kurz ria, gegründet. ria versteht sich als Feldbauerin für ein entstehendes neues Investitionsverständnis. Sie entwickelt Wissen, Sprache und Praxis des regenerativen Investierens innerhalb der breiteren Investorengemeinschaft weiter. In Partnerschaft mit dem Regenesis Institute for Regenerative Development bietet ria ein Praktikerprogramm an, das Investoren und Unternehmer dabei unterstützt, einen regenerativen Geist zu entwickeln.
André ist ein gefragter Referent und Facilitator im Bereich regeneratives Investieren. Seine Beiträge zu diesem Feld speisen sich aus mehr als fünfzehn Jahren gelebter Praxis: als KMU-Investor, Verwaltungsratsmitglied und Coach von Gründerinnen und Gründern in Südafrika und darüber hinaus.
Im Zentrum seiner Arbeit steht eine andere Rolle des Kapitals. Der Finanzinvestor ist für ihn nicht nur Geldgeber, Kontrolleur oder Renditeoptimierer. Er kann zum evolutionären Begleiter der Unternehmen und Gemeinschaften werden, in die er investiert. Dafür bringt er mehr ein als Kapital: Entwicklungskompetenz, die Fähigkeit zum tiefen Zuhören und einen langen Atem für echte Wertschöpfung, die nicht beim einzelnen Unternehmen endet, sondern das gesamte Ökosystem stärkt.
Werde auch Du Mitglied oder Förderpate der IRM
Die Transformation hin zu einer regenerativen Wirtschaft braucht mutige Ideen, engagierte Menschen – und eine Gemeinschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Die Initiative Regenerative Marktwirtschaft (IRM) setzt sich für genau das ein: Wir entwickeln Konzepte, schaffen Räume für Dialog und bringen Impulse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Damit das gelingt, brauchen wir dich.
Werde Mitglied oder Förderpate der IRM und ermögliche unsere Projekte, innovative Konzepte und politischen Dialog für eine regenerative Wirtschaft. Werde jetzt Mitglied : Antrag hier als Förderpate ausfüllen oder hier Antrag als Mitglied an uns per Mail schicken. Wir treten mit Dir dann in Kontakt, damit der Vorstand über Deinen Antrag entscheiden kann.
Oder unterstütze uns direkt mit einer Spende (Verwendungszweck: „Spende“):
Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V.
GLS Bank
IBAN: DE68 4306 0967 1359 9200 00
BIC: GENODEM1GLS
Du hast Fragen oder Ideen, wie wir zusammenarbeiten können?
📨 Schreib uns – wir freuen uns auf den Austausch.
Danke, dass du Teil der Bewegung bist.
Gemeinsam gestalten wir die Wirtschaft für ein gutes Leben von morgen.
Herzlichst,
Der Vorstand der IRM
Gregor Erkel, Sebastian Fittko und Thomas Schindler








