Manche Abende wirken weiter, weil aus Begegnungen Gedanken entstehen, die einen nicht mehr loslassen. Der Regenerative Salon am 10. September im h12 war für mich ein solcher Abend: der erste in Stuttgart und der 19. insgesamt. In unserer Runde und den Dialogen entwickelte sich eine Perspektive, die mich seitdem beschäftigt: Was bedeutet Regeneration im Zyklus von Leben und Entwicklung? Wie hängen Wachstum, Leistung, Reife und Beenden zusammen? Und welche Rolle spielen Herausforderung und Belastung dabei?
Wie ein Ort zum Resonanzraum wird
Anna und Sebastian Brumm haben mit ihrer Gastfreundschaft den Boden für diese Gespräche bereitet. Ich habe das h12 - Raum für glückliche Zufälle an diesem Abend als einen Ort erlebt, an dem Menschen sich willkommen fühlen und miteinander in Verbindung kommen. Ihr „Raum für glückliche Zufälle“ wurde durch ihre Zugewandtheit lebendig.
So begann der Abend in der Küche: bei handwerklich gebackenem Brot, einer Vesper mit besonderen Beilagen und Getränken und ersten Gesprächen. Dieses gemeinsame Ankommen und Genießen gehört inzwischen zur Handschrift der Regenerativen Salons. Für mich liegt darin bereits etwas Wesentliches: Wir teilen Brot und lernen einander kennen, bevor wir gemeinsam größere Fragen bewegen.
Möglichkeiten sehen – und Wirklichkeit schaffen
Mit meiner Stuttgart Keynote habe ich dazu eingeladen, Möglichkeiten zu erkennen und selbst ins Handeln zu kommen. Unternehmer:innen wie Bertha Benz, Robert Bosch, Margarete Steiff, Artur Fischer und Berthold Leibinger standen dabei für den Mut, etwas zu verwirklichen, dessen Ausgang noch offen ist.
Dabei ging es mir um ein Gefühl, das viele Unternehmer:innen kennen: eine mögliche Zukunft schon vor sich zu sehen, obwohl sie für andere noch kaum erkennbar ist. Zu spüren, was entstehen könnte – und sich von dieser Möglichkeit so angesprochen zu fühlen, dass man anfängt, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Man setzt Zeit, Kraft und eigenes Vermögen ein, gewinnt Menschen für die Idee und übernimmt Verantwortung, lange bevor feststeht, ob sie tragen wird.
Darin liegen Begeisterung und manchmal auch Einsamkeit. Was einem selbst bereits deutlich vor Augen steht, lässt sich anderen nicht immer vermitteln. Man muss Entscheidungen treffen, ohne Gewissheit zu haben, und erlebt Zweifel – die eigenen ebenso wie die des Umfelds. Genau hier lag für mich eine Einladung der Keynote: Menschen zu finden, mit denen wir solche Möglichkeiten teilen, kritisch prüfen und gemeinsam weiterentwickeln können.
Mich interessiert daran auch die Frage an uns heute: Was wollen wir mit unseren Fähigkeiten, Unternehmen, Beziehungen und unserem Vermögen möglich machen? Was wollen wir wachsen sehen? Regeneration ist für mich dabei ein Horizont: Lebensgrundlagen erneuern und einen Wohlstand ermöglichen, der kommenden Generationen Möglichkeiten eröffnet.
Die Gespräche des Abends führten diese Einladung weiter. Aus der Frage nach dem Wachsen entstand für mich ein umfassenderer Blick auf Entwicklung – mit ihren Herausforderungen, Übergängen und Enden. Viele der folgenden Gedanken sind aus diesem gemeinsamen Nachdenken entstanden und beschäftigen mich über den Abend hinaus.
Der Wald bleibt Wald – obwohl kein Baum ewig lebt
Besonders beschäftigt mich das Bild des Waldes. Kein einzelner Baum lebt ewig. Und dennoch kann ein Wald über Generationen hinweg Wald bleiben: Neues keimt, anderes reift, manches stirbt. Abgestorbenes Holz wird Lebensraum und zur Grundlage neuen Lebens. Wo ein Baum fällt, entsteht Raum.
Dieses Bild hilft mir, Regenerationsvermögen zu verstehen: die Fähigkeit, die Grundlagen des Lebens zu erneuern und weitere Entwicklung zu ermöglichen. Die Lebendigkeit eines Waldes zeigt sich auch darin, ob neues Leben entstehen kann. Das Wachstum jedes einzelnen Baumes erzählt nur einen Teil dieser Geschichte.
Für mich ergibt sich daraus eine Frage an unser Wirtschaften: Was trägt ein Unternehmen zum Regenerationsvermögen seiner Region, seiner Lieferketten, der Gesellschaft und der Natur bei? Wachstum, das Lebendigkeit zerstört, verbraucht die Voraussetzungen zukünftiger Entwicklung. Auch für mein eigenes Handeln bleibt deshalb die Frage: Was stärke ich mit dem, was ich aufbaue?
Und was darf ich loslassen? Auch in unserem persönlichen Leben können Aufgaben erfüllt sein und Rollen ihre Bedeutung verlieren. Der Gedanke, dass etwas enden darf, damit Neues Platz findet, führt mich zum anspruchsvollsten Teil dieser Überlegungen.
Regeneration braucht Herausforderung
Aus unseren Dialogen nehme ich auch eine Schärfung mit: Regeneration braucht Herausforderung und Belastung. Wer etwas entwickeln will, muss sich anstrengen, Spannungen aushalten und sich auf Erfahrungen einlassen, die die eigenen Gewissheiten infrage stellen. Regeneration als dauerhaften Zustand des Wohlfühlens zu verstehen, greift für mich zu kurz.
Entscheidend ist das Zusammenspiel: Herausforderung setzt einen Impuls, Anstrengung beansprucht unsere Kräfte. Erholung und Verarbeitung ermöglichen, dass daraus neue Leistungsfähigkeit entstehen kann. Dauerhafte Überforderung hingegen verbraucht ihre Grundlagen. Diese Unterscheidung ist mir wichtig, gerade wenn wir über regenerative Unternehmenskultur sprechen.
Dazu gehören für mich Beziehungen, die Widerspruch und Unsicherheit tragen. Menschen, mit denen wir Konflikte bearbeiten und gemeinsam über unsere bisherigen Möglichkeiten hinauswachsen können. Der Abend hat mich darin bestärkt, wie wertvoll Räume sind, in denen wir solche Fragen offen miteinander bewegen.
Die Frage, die ich daraus mitnehme, ist konkret: Erneuert unsere Leistung die Grundlagen, von denen sie lebt? Wachsen Fähigkeiten, Vertrauen und Handlungskraft? Oder brauchen wir sie auf? Daran möchte ich auch unser eigenes Wirken messen.
Krisen gestalten und gut beenden können
Mit diesem Blick auf Lebenszyklen verändert sich für mich auch die Frage nach unternehmerischem Erfolg. Wachstum hat seine Zeit. Ebenso können Weitergabe, Verkleinerung oder Neuordnung angemessen sein. Was braucht es in der jeweiligen Phase, damit sich vorhandene Möglichkeiten entfalten können?
Das führt mich zu einer unbequemen Frage: Können wir auch den „Tod“ von Unternehmen und Organisationen als Teil von Entwicklung betrachten? Krisen können zeigen, dass eine bisherige Form nicht mehr trägt. Manchmal braucht es Ausdauer und Unterstützung. Manchmal muss etwas enden.
Eine Organisation kann aufhören zu bestehen, während das Wissen, die Beziehungen und die Fähigkeiten ihrer Menschen andernorts weiterwirken. Dieser Gedanke eröffnet mir eine Perspektive auf das, was über ein Ende hinaus Bestand haben kann.
Zugleich bleiben die Verluste real: Arbeit, Sicherheit, Zugehörigkeit oder ein Teil der eigenen Identität. Gerade deshalb verdient das Beenden für mich ebenso viel Aufmerksamkeit und Verantwortung wie das Gründen. Wie begleiten wir Menschen? Was geben wir weiter? Wie ermöglichen wir neue Perspektiven?
Von hier aus frage ich mich auch, was das für unsere heutige Zeit der Veränderung und Transformation bedeutet. Können wir uns weiterentwickeln, wenn wir nicht bereit sind, auch Liebgewonnenes zu beenden? Was heißt das für Unternehmen, die an vertrauten Geschäftsmodellen festhalten, für die Politik, die Sicherheit verspricht, und für eine Gesellschaft, deren Gewohnheiten und Vorstellungen von Wohlstand zur Disposition stehen?
Vielleicht beginnt es mit Ehrlichkeit: Was trägt noch, was halten wir vor allem fest, weil es uns vertraut ist? Welche Verluste und Zumutungen gehören zu einer Veränderung, die wir für notwendig halten – und wer muss sie tragen? Für mich gehört dazu, das Erreichte zu würdigen und zugleich auszusprechen, wo es nicht mehr weiterführt. Wie schaffen wir die Sicherheit und das Vertrauen, die Menschen brauchen, um sich auf solche Übergänge einzulassen?
Gut beenden zu können, wird damit zu einer persönlichen und unternehmerischen Qualität: ein Ende anerkennen, das Geschaffene würdigen und Verantwortung für den Übergang übernehmen.
In guter Gesellschaft Zukunft gestalten
Aus Stuttgart nehme ich einen erweiterten Blick auf regeneratives Wirtschaften mit: auf Anstrengung und Erholung, Wachstum und Reife, Weitergabe und Neubeginn. Die Gedanken aus unserer Runde haben für mich die Frage vertieft, was wir wachsen sehen wollen – und was wir dafür verändern oder beenden müssen.
Besonders berührt hat mich dabei das Gefühl, mit anderen an einer Zukunft arbeiten zu können, deren Gestalt noch offen ist. Ich brauche solche Begegnungen, um eigene Gedanken zu prüfen, Erfahrungen zu teilen und weiter Möglichkeiten zu sehen, wenn der Weg schwierig wird.
Genau diese Verbindung wollen wir mit der IRM wachsen lassen: eine Gesellschaft von Zukunftsgestalter:innen, die sehen, was sein könnte, und gemeinsam daran arbeiten, dass es Wirklichkeit wird. Die Salons sind dafür ein Anfang. Aus Begegnungen können belastbare Beziehungen werden, aus Ideen gemeinsame Vorhaben – und aus einem Abend eine Gemeinschaft, die über ihn hinaus trägt.
Danke an Anna und Sebastian Brumm für ihre Gastfreundschaft und an Konrad Wenzel, unseren Anker und Raumöffner in Stuttgart. Und danke an alle, die ihre Perspektiven in unsere Runde eingebracht und diese Gedanken mitentwickelt haben.
Wenn Du Dich darin wiedererkennst und Deine Erfahrung, Deine Ideen und Deine Tatkraft einbringen möchtest, komm mit uns ins Gespräch. Vielleicht beginnt beim nächsten Salon eine Verbindung, aus der wir gemeinsam etwas wachsen lassen.
Menschen. Unternehmer:innen. Möglichkeiten. Morgen. Zusammen.
Einladung zum nächsten IRM-Resonanzraum
Die nächste Gelegenheit zum gemeinsamen Weiterdenken bietet unser IRM-Resonanzraum am 7. Oktober ab 16:30 mit Andreas Kunsmann. Wir laden Dich herzlich ein, dabei zu sein und Deine Perspektive einzubringen.
Von der lebendigen Landschaft führt uns der Blick damit zur gebauten Welt. Polycare entwickelt kreislauffähige Bausysteme, deren Bauteile wiederverwendet werden können. Welche Möglichkeiten eröffnet das für eine Bauwirtschaft, die ihre Materialien langfristig im Kreislauf hält? Und wie wird aus einer technischen Innovation ein tragfähiges Unternehmen, das diesen Wandel vorantreibt? Wir freuen uns darauf, diese Fragen gemeinsam mit Andreas und Euch zu erkunden.
Zum Weiterlesen
Bericht zum 18. Regenerativen Salon in Düsseldorf. Wir bauen Zukunft – über Orte, Beziehungen und gemeinsame Gestaltung. „Wir bauen Zukunft“
Vom Vollzug zur Entfaltung – über Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Zusammenarbeit; entstanden aus dem Resonanzraum mit Susanne Preiss von deep3. „Vom Vollzug zur Entfaltung“
Nicht weniger, sondern mehr – der Rückblick auf den IRM-Resonanzraum mit Anna Yona von Wildling Shoes über Potenzialentfaltung, unternehmerische Spannungen und regenerative Leistungskultur. „Nicht weniger, sondern mehr“
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Eine regenerative Wirtschaft braucht mutige Ideen, engagierte Menschen und eine Gemeinschaft, die Verantwortung übernimmt. Die Initiative Regenerative Marktwirtschaft (IRM) bringt Menschen zusammen, entwickelt Konzepte und eröffnet Räume, in denen aus Gedanken gemeinsames Handeln werden kann.
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Sebastian Fittko, Thomas Schindler und Gregor Erkel












