Von Andreas Kunsmann und Sebastian Fittko
Warum bauen wir nicht längst so? Im 7. IRM-Resonanzraum haben wir die Erfahrungen von Polycare mit unserer Suche nach einer Regenerativen Marktwirtschaft verbunden. Es ging um Bauen als soziale Möglichkeit, um Ingenieurskunst, die ihre Aufgaben neu stellt, und um Bauteile, deren Wert über die erste Nutzung hinaus erhalten bleiben kann. Dieser Essay führt die Gedanken aus dem gemeinsamen Gespräch weiter aus.
Der 8. IRM-Resonanzraum wird am 4.11. um 16:30 mit Torsten Becker von Carbonauten stattfinden. Anmeldung am Ende des Artikels möglich.
Eine vorgefertigte SEMBLA-Elementwand wird eingehoben. Foto aus Andreas Kunsmanns Präsentation für den 7. IRM-Resonanzraum, Polycare, Folie 18.
Warum bauen wir nicht längst so
Eine Wand lässt sich so bauen, dass sie später wieder auseinandergenommen werden kann. Die Steine bleiben verwendbar. Aus ihnen kann eine andere Wand entstehen, an einem anderen Ort, für einen anderen Zweck. Das klingt zunächst unspektakulär. Im siebten IRM-Resonanzraum kamen wir aber immer wieder auf die Frage zurück, warum etwas so Einleuchtendes eine solche Veränderung verlangt.
Warum bauen wir nicht längst so?
Die Frage beschäftigte uns aus verschiedenen Blickwinkeln. Aus der Verfahrenstechnik und aus dem Design kennen wir beide den Anspruch, Dinge zu verbessern. Wir kennen aber auch die Erfahrung, dass dieser Anspruch erstaunlich eng werden kann. Man bekommt eine Aufgabe, lernt die Anforderungen kennen und arbeitet an einer Lösung. Ob die Aufgabe selbst sinnvoll gestellt ist, steht häufig gar nicht mehr zur Diskussion.
Andreas:
In meiner Ingenieursausbildung ging es vor allem darum, bestehende Lösungen um noch einen Prozentpunkt zu verbessern. Das ist anspruchsvoll. Darin liegt viel von dem Können, auf das wir in Deutschland stolz sind. Trotzdem ließ mich die Frage nicht los, warum die Produktentwicklung dort enden sollte. Wie lernt man, etwas zu entwickeln, das aus einer anderen Betrachtungsweise der Welt entsteht?
Sebastian:
Auch im Design hat mich diese Frage beschäftigt. Wir verfügen über gestalterische Fähigkeiten, mit denen wir Produkte, Abläufe und Lebensbedingungen verändern könnten. Und verwenden sie dann häufig, um einen bereits festgelegten Auftrag bestmöglich zu erfüllen. Wir nehmen unser eigenes Können zu wenig ernst, wenn wir ihm nicht auch zutrauen, die Aufgabenstellung zu verändern.
Das fällt besonders auf, wenn wir Menschen begegnen, für die unsere Voraussetzungen gar nicht selbstverständlich sind. Dann wird sichtbar, was wir selbst längst für selbstverständlich halten.
Die soziale Frage gibt der Technik ihre Aufgabe
Für Polycare war das Bauen in Namibia eine solche Erfahrung. Dort entstand ein System, mit dem Menschen nach kurzer Schulung selbst am Bau ihrer Häuser teilnehmen konnten. Lokaler Sand wurde zum Baustoff. Die Bauteile ließen sich einfach zusammensetzen und wieder auseinandernehmen. Menschen ohne entsprechende handwerkliche Ausbildung wurden innerhalb eines Tages geschult und konnten am nächsten Tag mitbauen.
Die technische Entwicklung folgte dabei einer sozialen Frage. Gerd Dust, Mitgründer von Polycare, wollte Menschen ermöglichen, selbst an der Entstehung eines guten und bezahlbaren Zuhauses mitzuwirken. Daraus ergaben sich die Anforderungen: Das System musste verständlich sein, mit möglichst einfachen Mitteln funktionieren und die Menschen vor Ort einbeziehen.
Andreas:
Diese Reihenfolge war für mich eine Entdeckung. Ich bin auf die technische Frage zur Nutzung von Wüstensand auf Polycare gestoßen. Was mich dort hielt, war der gesellschaftliche Zweck, für den das technische Können eingesetzt wurde.
Am Anfang stand die Vorstellung, dass Menschen mehr können und mehr gestalten könnten, als es ihnen unter den bestehenden Bedingungen möglich ist. Die Technik sollte dieses Potenzial zugänglich machen.
Das ist für uns ein wesentlicher Ausgangspunkt für regeneratives Unternehmertum. Wer bauen kann, gewinnt mehr als nur ein Gebäude. Er erwirbt eine Fähigkeit und erlebt, dass er seine Lebensbedingungen mitgestalten kann. Wenn sich Bauwissen leichter vermitteln lässt, erweitert sich der Kreis der Menschen, die daran teilhaben können. Bauen wird zugänglicher und kann unabhängiger machen.
Darin liegt der Anspruch, das Bauen zu demokratisieren. Er muss sich an den tatsächlichen Bedingungen bewähren: an Kosten, an Sicherheit, an verfügbaren Materialien und daran, was Menschen selbst übernehmen wollen und können.
Bei Wildling Shoes sind wir einer verwandten Bewegung begegnet. Dort führte die Frage nach der natürlichen Beweglichkeit des Fußes zu einem anderen Schuh. Bei Polycare führt die Frage nach der Teilhabe am Bauen zu einem anderen Bausystem. In beiden Fällen verändert der Blick auf menschliche Möglichkeiten die technische Aufgabe.
Was wir von anderen Bauweisen lernen können
Die Erfahrungen in Namibia brachten allerdings auch Irritationen mit sich. Wenn sich dort so bauen ließ, warum trauten wir uns das in Deutschland kaum zu?
Wir sind es gewohnt, unser Wissen in andere Länder zu tragen. „Made in Germany“ steht für Qualität, und das häufig zu Recht. Aber diese Gewissheit kann uns auch daran hindern, etwas zu erkennen. Wir sehen dann vor allem, was andernorts noch fehlt, gemessen an unseren Verfahren und Standards. Wir sind weniger aufmerksam für Lösungen, die unter anderen Bedingungen entstehen und uns selbst voranbringen könnten.
Natürlich sind die Anforderungen an Gebäude unterschiedlich. Klima, Nutzung, Sicherheit und rechtliche Rahmenbedingungen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen. Was ist tatsächlich notwendig? Was ist Gewohnheit? Und wo haben wir eine bestimmte Lösung so sehr mit Qualität gleichgesetzt, dass wir eine andere gar nicht mehr ernsthaft prüfen?
Das ist eine Irritation, die wir teilen. Wir haben hervorragende Ingenieur:innen, Wissen, Produktionsanlagen und Erfahrung. Trotzdem können wir lange an einer Lösung arbeiten, deren grundlegende Annahmen niemand mehr hinterfragt. Das offensichtlich Bessere bleibt uns verborgen, weil es anders aussieht, als wir es erwarten.
Ein Nordstern muss einen anderen Weg zulassen
Auch die Geschichte von Polycare verlief keineswegs geradlinig. In der Pandemie brachen Lieferketten zusammen. Der Sand war vor Ort verfügbar, das notwendige Bindemittel stammte jedoch aus Südafrika. Die angestrebte Unabhängigkeit hatte eine empfindliche Grenze. Ende 2022 ließ sich das Modell in seiner damaligen Form nicht weiterführen.
Das Unternehmen stand vor der Frage, ob es aufhört oder mit dem Gelernten neu ansetzt. Es entschied sich für den deutschen Markt. Der Weg änderte sich erheblich. Die heutige Generation von SEMBLA ist für professionelle Bauabläufe und die industrielle Fertigung entwickelt worden. Der unmittelbare Selbstbau hat hier eine andere Bedeutung als damals in Namibia.
An dieser Veränderung lässt sich etwas über einen Nordstern lernen. Er gibt Orientierung, ohne die Lösung vorwegzunehmen. Zirkuläres Bauen allein liefert diese Orientierung noch nicht. Zirkularität beschreibt eine technische und wirtschaftliche Eigenschaft. Wofür sie gebraucht wird, muss aus der gesellschaftlichen Frage hervorgehen.
Diese Unterscheidung schützt davor, sich in die eigene Technologie zu verlieben. Die Aufgabe bleibt, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gut und bezahlbar leben können, vorhandene Werte erhalten bleiben und neue Handlungsmöglichkeiten entstehen. Welche technische Lösung dazu beiträgt, muss immer wieder geprüft werden.
Ein Baustein hat mehr als eine Zukunft
Bei SEMBLA werden präzise gefertigte Hohlblocksteine ohne Mörtel und Kleber gestapelt und über innenliegende Gewindestangen miteinander verspannt. Diese Verbindung lässt sich wieder lösen. Die Bauteile können zurückgewonnen und wiederverwendet werden.
Abbildung 1: Das SEMBLA-Wandsystem wird trocken montiert und über Gewindestangen vorgespannt. Originalfolie 19 aus Andreas Kunsmanns Präsentation, Polycare.
Entscheidend ist dabei eine Überlegung, die leicht untergeht: Technische Rückbaubarkeit allein reicht nicht. Wenn die Arbeit für den Rückbau mehr kostet, als die gewonnenen Bauteile wert sind, wird sie kaum jemand übernehmen. Deshalb muss die nächste Nutzung schon beim Entwurf mitgedacht werden. Wie schnell lässt sich eine Verbindung lösen? In welchem Zustand kommt der Stein zurück? Wie viel Aufwand ist nötig, bis er wieder verbaut werden kann?
Hier zeigt sich Ingenieurskunst, die ihre Aufgabe erweitert. Sie stellt die Verbindung zwischen einem technischen Verfahren und einer wirtschaftlichen Möglichkeit her.

Abbildung 2: Rückgewinnbarer Bauteilwert und Aufwand der Wiederverwendung müssen zusammen betrachtet werden. Originalfolie 35, Polycare; darin angegebene Quelle: Circular Value Institute.
In einem Baustein steckt schließlich viel mehr als nur sein Ausgangsmaterial. Wissen wurde angewendet, Energie eingesetzt, ein Produkt hergestellt und transportiert. Beim Zertrümmern geht ein erheblicher Teil der geleisteten Arbeit verloren. Bleibt der Stein als Bauteil verwendbar, kann diese Leistung weiter genutzt werden.
Warum behandeln wir ihn dann wirtschaftlich so oft, als hätte er nach seinem ersten Einsatz keine Zukunft mehr?
Wir können Gebäude als Materialbanken betrachten. Ein Gebäude erfüllt einen Zweck und hält zugleich einen Bestand an Bauteilen vor. Wenn sich der Zweck ändert oder die Nutzung endet, bleibt ein nutzbarer Teil dieses Bestandes erhalten. Aus der Frage nach der Entsorgung ergibt sich die Frage nach dem nächsten Einsatz.
Wenn Werterhalt in der wirtschaftlichen Rechnung ankommt
Das kann bis in die Bilanz hineinreichen. In Nordrhein-Westfalen ist im kommunalen Rechnungswesen bereits vorgesehen, einen nachvollziehbar bestimmten Materialrestwert bei der Bemessung der planmäßigen Abschreibung zu berücksichtigen. Das Handbuch der NRW.BANK zum Kommunalen Rechenmodell beschreibt, wie dadurch die jährliche Ergebnisbelastung geringer ausfallen kann.
Ein Gebäude wird damit nicht pauschal von der Abschreibung befreit. Der entscheidende Gedanke ist, dass ein begründeter Restwert über die erste Nutzungsdauer hinaus bestehen bleiben kann. Was wirtschaftlich weiterverwendbar ist, wird nicht vollständig als verbraucht betrachtet.
Für öffentliche und kommunale Bauvorhaben könnte darin ein erheblicher Hebel liegen. Eine Kommune braucht eine Schule oder eine Rettungswache und muss zugleich mit einem begrenzten Haushalt auskommen. Wenn ein Teil des verbauten Wertes erhalten bleibt, verändert sich die langfristige wirtschaftliche Betrachtung. Belastbare Rückkaufvereinbarungen können dabei helfen, diese Perspektive konkreter zu machen.
Auch für Banken könnte der zurückgewinnbare Bauteilwert an Bedeutung gewinnen. Eine Bewertung könnte diesen Wert unter Berücksichtigung von Demontage, Transport und möglichen Qualitätsverlusten einbeziehen, wie die folgende Abbildung zeigt. Ob und wie daraus bessere Finanzierungskonditionen entstehen, muss sich im konkreten Projekt zeigen.

Abbildung 3: Eine mögliche künftige Gebäudebewertung unter Einbeziehung des Bauteilwerts. Die Folie zeigt ein Zielbild, keine bereits allgemein angewandte Bewertungsregel. Originalfolie 37, Polycare.
Tobias Daur hob im Resonanzraum genau diesen Punkt hervor: Hier wird ein Problem gelöst, das Auftraggeber tatsächlich haben. Damit bekommt die Kreislauffähigkeit eine Bedeutung, die unmittelbar in ihre Entscheidungen hineinreicht.
Das System von innen verändern
Was wir unter einer Regenerativen Marktwirtschaft verstehen, wird an solchen konkreten Aufgaben greifbar. Regeneration muss in den Funktionen des Marktes wirksam werden: in dem, was wir herstellen, womit wir Geld verdienen, wie wir vorhandene Werte bewerten und welche Entscheidungen daraus folgen.
Für uns heißt das, Lösungen zu entwickeln, die Menschen tatsächlich brauchen und für diejenigen, die sie umsetzen, wirtschaftlich schlüssig sind. Ein Hersteller muss damit gut produzieren und verdienen können. Ein Bauunternehmen muss damit gut bauen können. Eine Kommune muss ein Gebäude erhalten, das seinen Zweck erfüllt und mit ihrem Haushalt vereinbar ist. An diesen Aufgaben müssen sich solche Lösungen bewähren.
Bei Polycare entsteht daraus das Zielbild, dass ein Hersteller mit einem wiederverwendeten Bauteil mehr verdienen kann als mit einem neu hergestellten. Dann entsteht ein wirtschaftliches Interesse daran, das Bauteil zurückzunehmen und seinen Wert zu erhalten. Das Können und die Arbeit, die bereits in ihm stecken, werden zur Grundlage eines weiteren Geschäfts. Der Markt kann dazu beitragen, den vorhandenen Wert weiter zu nutzen.
Die Richtung dafür geht aus der sozialen Frage hervor. Was brauchen Menschen, um gut und bezahlbar zu leben? Welche Fähigkeiten und Ressourcen sind bereits vorhanden, und wie können sie besser genutzt werden? Daraus ergeben sich die Anforderungen an ein Produkt und an sein Geschäftsmodell. Der Anspruch, Menschen und ihre Möglichkeiten zu stärken, geht Hand in Hand mit der Frage, wie ein Unternehmen davon leben kann. Ob diese Verbindung gelingt, muss die konkrete Lösung zeigen.
Gerade darin liegt für uns die Anschlussfähigkeit dieser Perspektive. Unternehmer:innen können an ihrem eigenen Können und an den Aufgaben ihrer Kunden ansetzen. Der regenerative Blick ermutigt sie, die Voraussetzungen dieser Aufgaben zu prüfen: Was würde möglich sein, wenn wir einen Baustoff, einen Herstellungsprozess oder die Finanzierung eines Gebäudes anders betrachten? Bei Polycare wird daraus die Aussicht auf ein Bauen, das vorhandene Werte erhält und wirtschaftlich attraktiver werden kann.
Andreas:
Ich fühle mich dabei oft wie ein Softwareentwickler, der versucht, ein System zu hacken. Ich suche nach Wegen, wie eine andere Lösung im bestehenden Markt möglich wird. Wenn sie im Prozess, in der Qualität und wirtschaftlich überzeugt, kann sie Entscheidungen verändern. Für diese Suche hatte ich lange keinen passenden Namen. Als mir der Begriff Regenerative Marktwirtschaft begegnete, erkannte ich darin meine eigene unternehmerische Aufgabe wieder.
Das erklärt auch den Umgang mit der vorhandenen Infrastruktur. Polycare entwickelt seine Produkte für bestehende Fertigungsanlagen. Das Können der Hersteller wird benötigt. Ebenso die Erfahrung der Bauunternehmen, der Planer und der Finanzierer. Neu entwickelt wird dort, wo etwas fehlt, damit diese Fähigkeiten anders zusammenwirken können.
Hier bekommt unser Bild einer neuen S-Kurve Kontur. Wir können einen Baustein immer effizienter herstellen und beim Abriss dabei den größten Teil seines Werts zerstören. Innerhalb dieser Logik erzielen wir Verbesserungen, während eine größere Möglichkeit ungenutzt bleibt.
Mit einem Bauteil für mehrere Nutzungen verändert sich die Aufgabe. Konstruktion, Herstellung, Montage, Rücknahme und Bewertung müssen zusammenpassen. Daraus kann eine neue Entwicklung entstehen, die auf dem vorhandenen Wissen aufbaut und zugleich über dessen bisherige Anwendung hinausgeht.
Auch eine schlüssige Idee braucht Beziehungen
Polycare steht mitten in diesem Übergang. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war die Zulassung für tragende Anwendungen noch im Prozess; die bisherigen Einsätze erfolgten in nicht tragenden Wänden. In den Folien wird die allgemeine Zulassung für tragende Anwendungen für 2027 erwartet. Neue Systeme müssen sich bewähren. Bauvorhaben brauchen Zeit, und die Menschen, die darüber entscheiden, tragen Verantwortung über viele Jahre hinweg.
Dass uns eine Lösung einleuchtet, bedeutet deshalb noch lange nicht, dass sie sich durchsetzt.
Vielleicht ist das auch eine Grenze unseres eigenen Vertrauens in die Logik. Wir beide kennen den Moment, in dem ein Zusammenhang plötzlich klar wird und wir uns fragen, warum andere ihn nicht genauso sehen. Für die einen wird er durch eine Rechnung verständlich, für andere durch eine Erfahrung, ein Bild oder eine belastbare Beziehung. Wer verändern will, muss lernen, diese Zugänge zu verstehen.
Andreas:
Eine Materialwissenschaftlerin aus Botsuana hielt mir dazu einen Spiegel vor. Ich hielt mich für offen und zugewandt. Sie konnte mich dennoch kaum lesen. Wie stand ich zu ihrer Arbeit? Was bewegte mich? Wo war die Beziehung jenseits der Aufgabe? Ihr Blick auf meinen Führungsstil war anders als der meine.
Auch darin lag eine Lernerfahrung, die aus einer anderen Perspektive entstand. Das Unternehmen, das menschliche Möglichkeiten erweitern will, muss sich diese Frage in der eigenen Zusammenarbeit stellen. Im Resonanzraum mit Susanne Preiss haben wir darüber gesprochen, wie Menschen aus dem Vollzug wieder ins Handeln kommen. Bei Polycare begegnet uns diese Frage im Alltag eines Unternehmens, das eine neue Technologie in eine bestehende Branche einführen will.
Andreas:
Mir geht es in diesem Mindset viel, viel besser. Die Möglichkeit, zu scheitern, bleibt real. Aber mein eigenes Können für eine Aufgabe einzusetzen, deren Sinn ich erkenne, gibt mir Energie.
Darin zeigt sich für uns eine weitere Bedeutung der Regeneration: Die Arbeit an einer solchen Lösung kann auch die Menschen stärken, die sie entwickeln.
Welche Möglichkeiten liegen bereits vor uns
Damit ist die gesellschaftliche Frage noch nicht beantwortet. Am Beispiel von Polycare lässt sich diese Logik zunehmend nachvollziehen. Wie sie im größeren Maßstab funktioniert, beschäftigt uns weiter. Welche Regeln helfen, erhaltene Werte anzuerkennen? Wie entstehen Märkte für Wiederverwendung? Und wie lässt sich das, was Menschen stärkt und ihre Möglichkeiten erweitert, wirtschaftlich wirksam machen?
Daran arbeiten wir auch als IRM. Wir bringen Menschen zusammen, die solche Möglichkeiten in ihrer eigenen Praxis erkennen und verfolgen. An ihren Erfahrungen lässt sich genauer beschreiben, wie eine Regenerative Marktwirtschaft funktionieren kann und was sie dafür braucht. Die Verbindung von sozialer Orientierung und wirtschaftlicher Logik eröffnet dabei einen Zugang für Menschen, die etwas entwickeln, herstellen, bauen oder finanzieren und ihr Können für eine sinnvolle Veränderung einsetzen wollen. Aus solchen konkreten Wegen kann eine gemeinsame Vorstellung entstehen, die auch über das einzelne Unternehmen hinaus trägt.
Bei Polycare führt diese Prüfung zurück zur sozialen Frage, aus der die technische Entwicklung entstand. Sie gibt der unternehmerischen Arbeit ihre Richtung. Die Erfahrungen aus Namibia und die Zusammenarbeit im internationalen Team haben dabei den Blick für das Bauen erweitert. Darin liegt eine unternehmerische Stärke: vorhandenes Können mit neuen Perspektiven zu verbinden und daraus tragfähige Lösungen zu entwickeln.
zum Anfang: zur sozialen Frage, aus der eine technische Entwicklung entstand. Zum Mut, unternehmerisch einen Weg zu verfolgen, dessen Lösung noch nicht feststeht. Und zur Bereitschaft, von Menschen und Orten zu lernen, denen wir bisher vor allem unser eigenes Wissen anbieten wollten.
Der Baustein steht dabei sehr konkret vor uns. Wir können seinen ersten Einsatz optimieren. Wir können aber auch fragen, welche weiteren Möglichkeiten bereits in ihm stecken – und was wir verändern müssen, damit sie nutzbar werden. Diese Frage lässt sich ebenso an unser Können, an unsere Unternehmen und an unsere Wirtschaft stellen.
Unser Dank gilt allen Teilnehmenden des siebten IRM-Resonanzraums für ihre Fragen und Perspektiven.
Über die Autoren
Andreas Kunsmann
Andreas Kunsmann ist CEO von Polycare. Er ist Mitglied und Förderpate der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. Der Verfahrenstechniker und Produktdesigner mit MBA beschäftigt sich mit der Frage, wie technische Innovationen gesellschaftliche Möglichkeiten eröffnen können. Seit 2019 arbeitet er bei Polycare an der Entwicklung und Verbreitung kreislauffähiger Bausysteme. Seine Arbeit verbindet Produktentwicklung, Unternehmensführung und strategische Partnerschaften. Mit SEMBLA verfolgt das Team den Ansatz, wiederverwendbare Bauteile auf bestehender industrieller Infrastruktur herzustellen und Gebäude als Materialbanken zu denken.
Sebastian Fittko
Sebastian Fittko ist Mitgründer und Erster Vorsitzender der Initiative Regenerative Marktwirtschaft e.V. sowie Gründer von regeneration.PARTNERS. Er begleitet Unternehmerfamilien, Familienunternehmen und Vermögensinhaber:innen dabei, Kapital, unternehmerische Verantwortung und die Entwicklung lebendiger Systeme miteinander zu verknüpfen. Im Zentrum steht der Weg von der Vermögensverwaltung zur Vermögensentfaltung: Welche Fähigkeiten, Beziehungen und Zukunftsmöglichkeiten können durch den Einsatz von Vermögen wachsen? Seine Arbeit verbindet regenerative Ökonomie, Impact Investing und unternehmerische Transformation. Als Dozent an der ESCP Business School arbeitet er zudem mit Studierenden an regenerativen Geschäftsmodellen und am Beitrag digitaler Technologien zu deren Umsetzung.
8. IRM-Resonanzraum mit Torsten Becker
Unser nächster IRM-Resonanzraum: Wie finanzieren wir eine postfossile Materialökonomie?
Nach unserem Gespräch über kreislauffähiges Bauen mit Andreas Kunsmann von Polycare richten wir den Blick auf die Finanzierung des industriellen Wandels.
Am 4. November 2026 von 16:30 bis 18:00 Uhr ist Torsten Becker, Mitgründer von carbonauten, im 8. IRM-Resonanzraum zu Gast.
Wie mobilisieren wir das Kapital für Anlagen in der notwendigen industriellen Größenordnung? Und wie finanzieren wir das Zusammenspiel von Biotechnologie, Chemie, Anlagenbau, Lieferketten, Verarbeitung und Produkten, das eine postfossile Materialökonomie braucht?
Wir laden Dich ein, diese Fragen gemeinsam mit Torsten, Christina Peters und Sebastian Fittko zu erkunden und Deine Erfahrungen einzubringen.
Die Veranstaltung findet online statt. Nach Deiner Anmeldung erhältst Du eine Kalendereinladung mit dem Google-Meet-Zugang.
Wir freuen uns auf Dich und Deine Fragen! 🌱
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