Was braucht unsere Region von uns?
Die Geschichte von RE:FEST Bonn – und warum Regeneration immer an einem konkreten Ort beginnt.
Transformation wird häufig als globale Aufgabe beschrieben. Wir sprechen über planetare Grenzen, internationale Klimakonferenzen oder die Sustainable Development Goals. All das ist notwendig. Und doch entscheidet sich ihre Wirksamkeit an einem anderen Ort: dort, wo Menschen beginnen, gemeinsam Verantwortung für den Lebensraum zu übernehmen, in dem sie leben.
Regeneration lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht auch nicht allein durch bessere Strategien oder neue politische Programme. Sie wächst dort, wo Menschen Beziehungen aufbauen, Vertrauen entwickeln und gemeinsam handeln. Dort, wo Wissenschaft auf Unternehmertum trifft, Verwaltung mit Zivilgesellschaft ins Gespräch kommt und aus unterschiedlichen Perspektiven eine gemeinsame Verantwortung entsteht. Jede gesellschaftliche Transformation braucht deshalb einen konkreten Ort, an dem sie Gestalt annehmen kann.
Seit mehreren Jahren erleben wir genau das mit den Regenerativen Salons der Initiative Regenerative Marktwirtschaft. Immer wieder zeigt sich dieselbe Erfahrung: Die eigentliche Veränderung beginnt selten auf der Bühne. Sie beginnt in den Gesprächen danach. Dort, wo Menschen entdecken, dass sie dieselbe Frage bewegt und dass aus dieser gemeinsamen Frage gemeinsames Handeln entstehen kann. So entsteht nach und nach eine soziale Architektur, die lokale Handlungsfähigkeit ermöglicht.
Die Entstehung von RE:FEST hat uns deshalb von Anfang an begeistert. Nicht, weil ein weiteres Veranstaltungsformat ins Leben gerufen wurde. Sondern weil hier sichtbar wird, wie eine Region beginnt, sich selbst neu zu entdecken. Bonn verfügt über eine außergewöhnliche Dichte an wissenschaftlicher Exzellenz, internationalen Organisationen, engagierten Unternehmen und einer lebendigen Zivilgesellschaft. Die Voraussetzungen für eine regenerative Entwicklung sind längst vorhanden. Was vielerorts fehlt, ist nicht Wissen, sondern ein verbindendes Gewebe. Räume, in denen aus Wissen Beziehungen werden. Aus Beziehungen Vertrauen. Und aus Vertrauen die Fähigkeit, gemeinsam Zukunft zu gestalten.
Die Initiative Regenerative Marktwirtschaft durfte die Entstehung von RE:FEST von Beginn an begleiten und unterstützen. Umso mehr freuen wir uns, den folgenden Beitrag der Initiator:innen erstmals in deutscher Sprache veröffentlichen zu dürfen. Er erzählt die Geschichte eines Festivals. Vor allem aber erzählt er die Geschichte einer Region, die beginnt, ihre eigene Handlungsfähigkeit zu entdecken.
Mit regenerativen Grüße
Sebastian Fittko
Autor:innen: Laila Martins, Constanze Kernbach, Martin Niehus & Richard Perrin
Am Anfang stand keine Vision für ein Festival. Es gab keinen ausgearbeiteten Projektplan und keine fertige Agenda. Es gab lediglich eine Frage, die uns über viele Monate hinweg begleitete und in beinahe jedem Gespräch erneut auftauchte:
Was braucht unsere Region von uns?
Je länger wir dieser Frage folgten, desto deutlicher wurde, dass sie sich nicht theoretisch beantworten ließ. Sie verlangte nach Begegnungen, nach gemeinsamen Erfahrungen und nach einem Ort, an dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven dieselbe Frage miteinander bewegen konnten.
Der Tag, an dem schließlich rund vierzig Menschen aus Bonn und der umliegenden Bioregion zusammenkamen, war deshalb nicht der Anfang von RE:FEST. Er war vielmehr das sichtbare Ergebnis einer Reise, die weit über ein Jahr zuvor begonnen hatte. In dieser Zeit führten wir unzählige Gespräche mit Universitäten, Unternehmen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für eine regenerative Zukunft engagieren. Unser Ziel war nie, über Regeneration zu sprechen, sondern sie in einer Form erlebbar zu machen, die im konkreten Lebensraum verwurzelt ist.
Eine Region, in der Regeneration längst angekommen ist
Bonn gehört vermutlich zu den wenigen Städten Europas, in denen der Begriff Regeneration längst mehr ist als ein akademisches Schlagwort oder ein Nischenthema. Wer sich auf die Suche macht, entdeckt eine außergewöhnliche Dichte an Menschen, Initiativen und Institutionen, die sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit derselben grundlegenden Frage beschäftigen: Wie können wir die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebensgrundlagen nicht nur bewahren, sondern aktiv erneuern?
Zu dieser Vielfalt gehören Menschen, die landwirtschaftliche Böden regenerieren und neue Formen der Agroforstwirtschaft entwickeln. Andere arbeiten an regenerativen Finanzsystemen oder an einer Wirtschaft, die nicht allein Schäden reduziert, sondern einen positiven Beitrag zur Erneuerung unserer Lebensgrundlagen leistet. Wieder andere widmen sich der Frage, welche innere Entwicklung notwendig ist, damit gesellschaftlicher Wandel überhaupt möglich wird.
Was uns dabei immer wieder beeindruckte, war weniger die Vielfalt dieser Perspektiven als ihre außergewöhnliche räumliche Nähe. All diese Menschen hatten sich entschieden, ihre Arbeit an demselben Ort zu verankern. Bonn und seine umliegende Region verfügen damit über eine bemerkenswerte Konzentration an Wissen, Erfahrung und Gestaltungswillen – oft, ohne sich dieser besonderen Qualität selbst bewusst zu sein.
Im Laufe des vergangenen Jahres begannen wir deshalb, dieses regionale Ökosystem bewusster kennenzulernen. Unsere Gespräche führten uns in Forschungsinstitute der Universität Bonn ebenso wie in Einrichtungen der Vereinten Nationen, zu lokalen Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen und vielen Menschen, die bereits heute an ganz konkreten Lösungen arbeiten. Je mehr Gespräche wir führten, desto deutlicher wurde uns, dass Bonn längst zu einem Ort geworden ist, an dem sich globale Zukunftsfragen mit lokaler Gestaltungskraft begegnen.
Die Stadt ist in vielerlei Hinsicht ein Labor für die Zukunft. Hier treffen internationale Politik, wissenschaftliche Forschung, unternehmerisches Handeln und zivilgesellschaftliches Engagement auf engem Raum aufeinander. Was andernorts über Länder oder Kontinente verteilt ist, findet sich hier innerhalb weniger Kilometer.
Und doch zeigte sich in nahezu allen Gesprächen dieselbe Beobachtung.
Trotz dieser außergewöhnlichen Dichte an Wissen arbeiteten viele Menschen weitgehend nebeneinander. Institutionelle Grenzen, fachliche Spezialisierungen oder organisatorische Strukturen führten dazu, dass sich Menschen mit ähnlichen Anliegen oftmals kaum begegneten. Forschende veröffentlichten ihre Erkenntnisse. Praktiker entwickelten konkrete Lösungen. Verwaltungen gestalteten politische Prozesse. Unternehmen sammelten wertvolle Erfahrungen in der Umsetzung. Doch nur selten entstanden Räume, in denen diese unterschiedlichen Perspektiven wirklich zusammenfinden konnten.
So entstand ein bemerkenswertes Paradox.
Eine Region, die über außergewöhnlich viel Wissen zu den großen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit verfügt, hatte bislang nur wenige Orte geschaffen, an denen dieses Wissen für die eigene Region fruchtbar werden konnte. Die Antworten auf viele globale Fragen waren bereits vorhanden. Was fehlte, war ein gemeinsamer Ort, an dem aus diesen Antworten eine gemeinsame Praxis entstehen konnte.
Mit jeder weiteren Begegnung wurde uns deshalb klarer, dass es nicht genügt, denselben geografischen Raum zu teilen. Eine Region allein schafft noch keine Gemeinschaft. Entscheidend ist vielmehr, dieselbe Frage miteinander zu teilen. Erst dadurch entsteht ein gemeinsamer Horizont, aus dem Beziehungen wachsen können. Und genau diese Beziehungen sind es, die aus einzelnen Initiativen ein lebendiges System entstehen lassen.
Aus dieser Erkenntnis heraus entstand schließlich die Idee zu RE:FEST.
Die Lücke zwischen Wissen und gemeinsamer Gestaltung
Bonn nimmt innerhalb Europas eine besondere Stellung ein. Als Stadt der Vereinten Nationen und Standort zahlreicher wissenschaftlicher Einrichtungen bündelt die Region vermutlich mehr Wissen über Nachhaltigkeit und Regeneration pro Quadratkilometer als nahezu jede andere Region Europas. Gleichzeitig macht gerade diese besondere Ausgangslage ein strukturelles Problem sichtbar, das weit über Bonn hinausweist.
Wissen entfaltet seine Wirkung nicht dadurch, dass es vorhanden ist. Es muss Menschen miteinander verbinden. Forschung allein verändert noch keine Landschaft. Internationale Vereinbarungen pflanzen keinen Baum. Strategiepapiere renaturieren keinen Bach und schaffen keine resilienten Nachbarschaften. Zwischen Wissen und Veränderung liegt immer der Raum gemeinsamen Handelns.
Genau dieser Raum fehlte uns.
Nicht, weil Menschen nicht bereit gewesen wären, Verantwortung zu übernehmen. Sondern weil es kaum Gelegenheiten gab, in denen sich Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und internationale Institutionen jenseits ihrer jeweiligen Rollen begegnen konnten. Die Klimaforscherin, die globale Biodiversitätsmuster untersucht, begegnet im Alltag nur selten dem Landschaftsplaner, der Grünräume in der Region gestaltet. Der Autor internationaler Nachhaltigkeitsabkommen kommt kaum mit der Sozialunternehmerin ins Gespräch, die vor Ort neue Formen gemeinschaftlichen Wirtschaftens entwickelt.
Dabei entsteht gesellschaftliche Transformation fast nie innerhalb einer einzelnen Organisation. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Wissensformen und Perspektiven in Beziehung treten und gemeinsam etwas hervorbringen, das keine von ihnen allein hätte entwickeln können.
Mit dieser Einsicht begann unsere gemeinsame Reise.
Wie RE:FEST entstand
Aus unserer Sicht beginnt gesellschaftliche Transformation dort, wo Menschen unterschiedlicher Hintergründe beginnen, gemeinsam Verantwortung für ihren Lebensraum zu übernehmen. Genau darin sehen wir eines der größten Potenziale unserer Region. Deshalb wollten wir nicht mit einem fertigen Konzept beginnen, sondern zunächst die Voraussetzungen schaffen, unter denen ein lebendiges regionales Ökosystem überhaupt entstehen kann.
RE:FEST war von Anfang an als Katalysator gedacht – als ein Ort, an dem Menschen einander begegnen, voneinander lernen, Erfahrungen teilen und gemeinsam den Mut entwickeln können, neue Schritte zu gehen. Nicht als einmalige Veranstaltung, sondern als Ausgangspunkt einer Entwicklung, deren Richtung sich erst durch die Menschen selbst entfalten sollte.
Denn lebendige Systeme lassen sich nicht planen wie ein Bauprojekt. Sie entstehen langsam. Sie wachsen durch Beziehungen, Vertrauen und die Bereitschaft, Verantwortung miteinander zu teilen. Sie brauchen Zeit, Aufmerksamkeit und Menschen, die bereit sind, den Raum für andere mitzugestalten.
Das Kernteam hinter RE:FEST bestand aus Constanze Kernbach von Reinventing Society, Laila Martins von RegenBeings, Martin Niehus von Adventus Art und Richard Perrin von Flourish Partners. Gemeinsam haben wir über den gesamten Verlauf des Jahres 2025 hinweg daran gearbeitet, aus einer ersten Idee einen gemeinsamen Prozess entstehen zu lassen. Dabei wurde RE:FEST nicht von wenigen Menschen entwickelt, sondern gemeinsam mit einem wachsenden Kreis von Mitgestalterinnen und Mitgestaltern aus der gesamten Region – aus Wissenschaft, Verwaltung, den Vereinten Nationen, Unternehmen und der Zivilgesellschaft.
Rückblickend wird deutlich, dass RE:FEST nie als Veranstaltung geplant wurde. Es war vielmehr das sichtbare Ergebnis von eineinhalb Jahren gemeinsamer Beziehungsarbeit.
Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war das Co-Creator Kick-off im Oktober 2025. Dort kamen Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammen, um gemeinsam zu erkunden, was RE:FEST werden könnte. Uns ging es nicht darum, ein fertiges Konzept vorzustellen. Vielmehr wollten wir zuhören, Fragen stellen und gemeinsam die Grundlagen für etwas schaffen, das größer sein könnte als die Summe seiner einzelnen Beiträge.
Die Menschen, die an diesem Prozess beteiligt waren, brachten weit mehr ein als fachliche Expertise. Sie teilten Erfahrungen, öffneten ihre Netzwerke und halfen uns dabei, die Idee immer wieder weiterzuentwickeln. Dadurch entstand Schritt für Schritt ein gemeinsames Verständnis dessen, was RE:FEST sein könnte.
Dabei verfolgten wir bewusst einen anderen Ansatz, als bei neuen Projekten häufig üblich ist. Unser Ziel war nie, etwas vollständig Neues zu erfinden. Vielmehr wollten wir an das anknüpfen, was in unserer Region bereits entstanden war. Wir wollten bestehende Initiativen miteinander verbinden, voneinander lernen und die starken Wurzeln nutzen, die vielerorts längst gewachsen waren. Nicht ein weiterer einzelner Baum sollte entstehen, sondern ein Wald, dessen Kraft gerade aus seiner Vielfalt und Verbundenheit erwächst.
Für diese Unterstützung sind wir bis heute außerordentlich dankbar. Zu diesem Kreis gehörten:
Lena M. Kaufmann & Stephan Hankammer (REGWI Institut für Regeneratives Wirtschaften)
Alejandra Ramos Gálvez & Flávia Guerra (United Nations University - Institute for Environment and Human Security / UNU-EHS)
Jede und jeder von ihnen hat auf ganz eigene Weise dazu beigetragen, dass aus einer Idee ein gemeinsamer Prozess werden konnte.
RE:FEST 2026
Als wir uns schließlich am 9. Mai 2026 am Rhein und in der Brotfabrik in Bonn trafen, wurde spürbar, dass dieser Tag längst nicht mehr nur unser Projekt war. Er war zum Ausdruck einer Gemeinschaft geworden, die begonnen hatte, Verantwortung füreinander und für ihren gemeinsamen Lebensraum zu übernehmen.
Was an diesem Tag möglich wurde, verdankte sich nicht einer einzelnen Organisation, sondern dem Vertrauen und der Großzügigkeit vieler Menschen.
Liane Stephan und Katharina Buchgeister vom Inner Green Deal brachten eine Dimension ein, die für uns unverzichtbar war. Sie erinnerten uns daran, dass Regeneration nicht allein aus Konzepten, Strategien oder Organisationsentwicklung besteht. Sie beginnt in unserer Beziehung zur lebendigen Mitwelt – und ebenso in der Beziehung, die wir miteinander gestalten. Ihre Begleitung öffnete einen Raum, in dem diese Verbindung nicht nur besprochen, sondern unmittelbar erfahren werden konnte.
Reinventing Society übernahm die organisatorische und administrative Trägerschaft und schuf damit die Grundlage, auf der RE:FEST überhaupt professionell umgesetzt werden konnte.
Benjamin Best von der Vereinigung für Ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) schenkte unserer Idee früh Vertrauen. Mit seiner finanziellen Unterstützung und seiner langjährigen Erfahrung in der ökologischen Wirtschaftsforschung half er dabei, RE:FEST auf ein Fundament zu stellen, das weit über den eigentlichen Veranstaltungstag hinausreicht.
Die Initiative Regenerative Marktwirtschaft finanzierte die fotografische Begleitung durch Luiz Andrade. Seine Bilder haben etwas eingefangen, das sich nur schwer beschreiben lässt: die Atmosphäre eines Tages, an dem Begegnung wichtiger war als Programm und Beziehungen wichtiger wurden als Visitenkarten.
Petra Borgmann Durrie begleitete den gesamten Tag mit Graphic Recording. Während Gespräche entstanden, übersetzte sie Gedanken, Fragen und Ideen unmittelbar in Bilder und schuf damit eine visuelle Dokumentation dessen, was sich im Laufe des Tages gemeinsam entwickelte.
Auch das gemeinsame Essen wurde zu einem Ausdruck dessen, worum es bei RE:FEST ging. Das Team des Cassius Garten, einem der ältesten vegetarischen Restaurants der Region, versorgte alle Teilnehmenden. Seit mehr als drei Jahrzehnten steht dieser Ort für eine Küche, die Verantwortung für Mensch und Natur zusammendenkt – ein stimmiger Begleiter für einen Tag, an dem genau diese Haltung im Mittelpunkt stand.
Rückblickend wird deutlich, dass genau darin die eigentliche Qualität eines lebendigen Systems liegt.
Nicht eine Organisation trägt alles.
Viele Menschen tragen jeweils einen Teil.
Jede und jeder bringt etwas anderes ein: Zeit, Wissen, Beziehungen, finanzielle Unterstützung, Kreativität oder schlicht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Erst im Zusammenspiel entsteht etwas, das keine einzelne Organisation allein hätte schaffen können.
Am Morgen des 9. Mai versammelten wir uns am Rheinufer und in der Brotfabrik zu einem gemeinsamen Tag, der Gespräche, Workshops und einen Naturgang entlang des Beueler Rheinufers miteinander verband. Doch rückblickend erinnern wir uns weniger an einzelne Programmpunkte als an die besondere Qualität der Begegnungen.
Im Raum begegneten sich Menschen, die sich unter normalen Umständen vermutlich nie getroffen hätten.
Vertreten waren vier Hochschulen – die Universität Bonn, die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die Alanus Hochschule und die Universität zu Köln. Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Einrichtungen der Vereinten Nationen kamen ebenso zusammen wie Menschen aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Sozialunternehmen, lokalen Unternehmen und Initiativen der Region.
Diese Vielfalt machte sichtbar, welches Potenzial bereits heute in unserer Bioregion vorhanden ist.
Noch bewegender als diese Vielfalt war jedoch die Haltung, mit der Menschen einander begegneten.
Niemand kam ausschließlich, um zuzuhören.
Niemand verstand sich lediglich als Gast.
Schon nach kurzer Zeit entstand das Gefühl, dass alle Mitgestaltende dieses Tages waren. Menschen halfen spontan beim Umbauen von Räumen, trugen gemeinsam Tische, unterstützten sich gegenseitig oder kümmerten sich ganz selbstverständlich umeinander. Andere brachten ihre Kinder mit und machten damit sichtbar, dass Regeneration immer auch die nächste Generation einschließt.
Vielleicht war genau das der wichtigste Moment dieses Tages.
Nicht einzelne Vorträge oder Workshops.
Sondern die Erfahrung, dass Gemeinschaft entsteht, wenn Menschen beginnen, Verantwortung nicht nur für ihre eigenen Aufgaben, sondern füreinander zu übernehmen.
In diesem Augenblick wurde aus einer Veranstaltung ein lebendiges System.
Was nun entstehen kann
Für uns war RE:FEST nie das eigentliche Ziel. Wir wollten keine weitere Konferenz organisieren und auch kein neues Veranstaltungsformat etablieren. Der 9. Mai war vielmehr als ein erster gemeinsamer Schritt gedacht: als Gelegenheit, Menschen miteinander in Beziehung zu bringen, die zwar in derselben Region und häufig an ähnlichen Fragen arbeiten, sich bislang aber kaum begegnet waren. Uns ging es darum, diese Menschen in einen gemeinsamen Raum einzuladen und anschließend aufmerksam wahrzunehmen, was aus ihren Begegnungen entstehen könnte.
Vielleicht werden daraus Forschungsarbeiten hervorgehen oder konkrete Projekte, die tief in der Region verwurzelt sind. Vielleicht entstehen neue Kooperationen zwischen Hochschulen, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Vielleicht wachsen Freundschaften, die zunächst keinen sichtbaren Zweck erfüllen und gerade dadurch langfristig etwas tragen. Vielleicht erkennen sich künftig einfach Menschen wieder, wenn sie sich auf dem Bonner Marktplatz begegnen, und setzen ein Gespräch fort, das bei RE:FEST begonnen hat. Auch das zählt. Denn ein lebendiges System zeigt sich nicht nur in großen Vorhaben, sondern ebenso in den Beziehungen, aus denen später etwas Neues erwachsen kann.
Bereits während des Tages wurde spürbar, wie groß das Bedürfnis nach solchen Räumen in unserer Region ist. Immer wieder entstanden Gespräche über kontinuierliche Orte des gemeinsamen Lernens, über die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Praktiker:innen und über Projekte, die das regenerative Wissen der Stadt mit den Landschaften und Gemeinschaften des Umlands verbinden könnten. Auffällig war dabei, dass kaum jemand den Wunsch äußerte, etwas völlig Neues zu erfinden. Viel häufiger ging es darum, Bestehendes sichtbar zu machen, Initiativen miteinander zu verbinden und die Bedingungen zu stärken, unter denen das bereits Vorhandene seine Wirkung besser entfalten kann.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Einsichten dieses Tages: Regeneration beginnt nicht zwangsläufig mit einer neuen Organisation oder einem weiteren Programm. Sie beginnt oft dort, wo wir wahrnehmen, was längst im Entstehen ist, und Verantwortung für die Bedingungen übernehmen, die dieses Wachstum ermöglichen.
Verbindungsarbeit braucht Ressourcen
Zu diesen Bedingungen gehört auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Arbeit an einem regionalen Ökosystem dauerhaft getragen werden kann. Ein regenerativer Anspruch lässt sich nicht allein auf ehrenamtliche Energie gründen. Die Menschen, die an RE:FEST beteiligt waren, geben bereits sehr viel in ihre jeweiligen Arbeitsfelder und Organisationen hinein. Sie forschen, gründen und führen Unternehmen, gestalten Bildungsprozesse, engagieren sich in der Zivilgesellschaft oder übernehmen Verantwortung in öffentlichen und internationalen Institutionen.
RE:FEST wurde möglich, weil viele von ihnen zusätzlich Zeit, Wissen, Beziehungen, finanzielle Mittel und Vertrauen eingebracht haben, lange bevor es eine formale Finanzierung gab. Darin liegt etwas außerordentlich Wertvolles. Es zeigt, wie viel entstehen kann, wenn Menschen an eine gemeinsame Idee glauben und bereit sind, erste Schritte zu gehen, obwohl noch nicht alle Voraussetzungen geschaffen sind. Als langfristiges Modell ist diese Form des Engagements jedoch nicht tragfähig. Wer möchte, dass ein regionales Netzwerk Kontinuität entwickelt und seine Verbindungen vertiefen kann, muss auch die Arbeit finanzieren, die dieses Netzwerk zusammenhält.
Dabei geht es nicht um den Aufbau einer großen bürokratischen Struktur. Es braucht vielmehr ausreichende Ressourcen für Koordination, Kontinuität und die Pflege der Beziehungen. Gerade diese verbindende Arbeit ist von außen oft kaum sichtbar. Sie erscheint selten als klar abgrenzbares Ergebnis in einer Projektplanung, bildet aber die Voraussetzung dafür, dass spätere Projekte überhaupt entstehen können. Vertrauen braucht Zeit, Zusammenarbeit braucht Aufmerksamkeit, und ein lebendiges Netzwerk braucht Menschen, die Begegnungen ermöglichen, Verbindungen halten und immer wieder dafür sorgen, dass aus ersten Impulsen gemeinsame Praxis werden kann.
Die nächste Phase von RE:FEST braucht deshalb Partner:innen und Fördernde, die den besonderen Charakter dieser Arbeit verstehen. Stiftungen, öffentliche Förderinstitutionen, Impact-Investor:innen und andere Institutionen sind eingeladen, das Potenzial dessen zu erkennen, was in Bonn und der umliegenden Bioregion bereits lebendig ist. Der Aufbau eines Ökosystems ist langsame und relationale Arbeit. Seine Wirkung entsteht nicht immer unmittelbar und lässt sich nur bedingt in kurzfristigen Kennzahlen abbilden. Sie wächst über die Zeit und vervielfacht sich dort, wo Beziehungen beginnen, neue Verbindungen hervorzubringen.
Wenn eine Forscherin der Vereinten Nationen und ein lokaler Unternehmer eine gemeinsame Sprache finden, wenn ein Hochschulinstitut und ein Sozialunternehmen zusammen ein ortsbezogenes Projekt entwickeln oder wenn Menschen aus unterschiedlichen Institutionen entdecken, dass sie an derselben Frage arbeiten, entsteht ein realer Wert. Er liegt in neuen Handlungsmöglichkeiten, in geteiltem Wissen und in einer Zusammenarbeit, die zuvor nicht denkbar war. Gerade diese Form von Wirkung möchten wir weiter ermöglichen.
Regeneration ist längst da
Vielleicht war dies die wichtigste Erkenntnis des 9. Mai: Regeneration muss in unserer Region nicht erst erfunden werden. Sie ist längst vorhanden. Überall begegnen uns Menschen, die häufig leise und beharrlich an einer lebensdienlichen Zukunft arbeiten. Sie bauen Böden auf, entwickeln neue Formen des Wirtschaftens, stärken Gemeinschaften, erforschen Wege durch die ökologischen und gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit oder verändern ihre Organisationen von innen heraus.
Die Menschen, die dafür gebraucht werden, sind da. Auch das Wissen, die Fähigkeiten und viele der notwendigen Initiativen existieren bereits. Was bisher häufig fehlte, waren Räume, in denen diese Menschen einander wahrnehmen und ihre Arbeit aufeinander beziehen konnten. RE:FEST hat einen solchen Raum für einen Tag geschaffen. Entscheidend wird nun sein, ob die entstandenen Beziehungen weiter wachsen und ob wir gemeinsam die Bedingungen schaffen, unter denen aus ersten Begegnungen eine dauerhafte regionale Handlungsfähigkeit entstehen kann.
Zugleich wissen wir, dass die meisten Menschen, die sich in diesem Feld engagieren, bereits sehr volle Tage und ein hohes Maß an Verantwortung tragen. Von Beginn an war uns deshalb wichtig, RE:FEST nicht als zusätzliche Belastung zu gestalten. Es sollte kein weiterer Ort sein, an dem Menschen Aufgaben übernehmen und Anforderungen erfüllen müssen, sondern ein Raum, in dem Regeneration selbst erfahrbar wird: als eine Qualität der Begegnung, als Aufmerksamkeit füreinander und als Verbindung mit der lebendigen Mitwelt, zu der wir gehören. Nach allem, was wir am 9. Mai gespürt und gehört haben, ist etwas von dieser Absicht Wirklichkeit geworden.
Im Laufe des Sommers werden wir erneut miteinander in Verbindung treten und gemeinsam erkunden, welche nächsten Schritte sich aus diesem ersten Treffen ergeben. Dabei geht es nicht darum, vorschnell ein fertiges Programm oder eine feste Struktur zu entwickeln. Wir möchten aufmerksam bleiben für das, was aus den Beziehungen und Ideen dieses Tages hervorgeht, und gemeinsam entscheiden, welche Formen der Unterstützung dafür hilfreich sind.
Was wir bereits wissen, ist, dass Regeneration in dieser Region lebendig ist. Viele Menschen tun Außergewöhnliches, oft ohne große Sichtbarkeit, aber mit großer Konsequenz. Bonn und die umliegende Bioregion sind durch ihre Arbeit heute schon reicher, resilienter und zukunftsfähiger. Die Frage, die uns nun bewegt, lautet deshalb nicht mehr nur, ob regenerative Entwicklung hier möglich ist. Wir fragen uns, was möglich wird, nachdem mehr dieser Menschen einander gefunden haben.
RE:FEST war ein erster Schritt auf einem Weg, den wir weiter pflegen möchten. Wohin er uns führen wird, können und wollen wir heute noch nicht vollständig bestimmen. Das werden wir gemeinsam herausfinden.
Schauen wir, wohin dieses neue Gewebe aus Beziehungen führt.
Weiter – und gemeinsam.
Der vorliegende Beitrag wurde von den Initiator:innen des RE:FEST verfasst und von der Initiative Regenerative Marktwirtschaft für den deutschsprachigen Raum aus dem Englischen übersetzt und sprachlich redigiert. Die IRM durfte die Entstehung von RE:FEST von Beginn an begleiten und unterstützen. Wir danken dem gesamten RE:FEST-Team für das Vertrauen und freuen uns darauf, den weiteren Weg dieses regionalen Netzwerks zu begleiten.
Die Author:innen
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Die Transformation hin zu einer regenerativen Wirtschaft braucht mutige Ideen, engagierte Menschen – und eine Gemeinschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
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Regenerative Marktwirtschaft entsteht nicht abstrakt. Sie wächst dort, wo Menschen Räume öffnen, Beziehungen knüpfen und ins Handeln kommen.
Ihr habt Interesse und wollt über die Möglichkeiten sprechen, dann schreibt Sebastian.


















